„Wir bauen uns einen Windpark“ und andere Weihnachtsüberraschungen

„Dann macht es Puff: Der Loriot-Klassiker „Weihnachten bei den Hoppenstedts“

Im Dezember 2015 schlug eine Nachricht wie eine Bombe ein und trübte die Vorweihnachtszeit nachhaltig. Die Firma Riffelmacher und Weinberger aus dem fränkischen Roth verkündete das Ende der Produktion von echtem Stanniol-Lametta. Damit schließe der letzte deutsche Hersteller dieses erztraditionellen Christbaumschmucks „seine Pforten“, schrieben die Kollegen etwas uniform in ihren zahlreichen Nachrufen.

„Früher war mehr Lametta“ – auch das legendäre Zitat von Loriots Opa Hoppenstedt durfte in keinem dieser Berichte fehlen. Oft schrie es einen schon in der Überschrift an und zeugte nicht nur von der überschaubaren Phantasie der Autoren, sondern auch von deren fortgeschrittenem Alter. Die jungen Netflix- und Youtube-Adepten kennen Loriot (und Lametta), wenn überhaupt, nur noch vom Hörensagen.

In Zeiten allgegenwärtiger political correctness gehören die silbrigen Strähnen, die Eiszapfen symbolisieren sollen, natürlich nicht an aufgeklärte Weihnachtsbäume, ebenso wie die einstmals so beliebten gläsernen Christbaumspitzen, die wie preußische Pickelhauben aussehen. Höchsten bei unbelehrbaren AfD-Anhängern.  Überhaupt sollten ökologisch und sozial gesinnte Menschen auf Christbäume generell verzichten. Die meisten sind gespritzt, kommen von weither und stammen von Samen ab, die im Kaukasus unter ethisch fragwürdigen Bedingungen gesammelt werden, um daraus die überaus beliebten Nordmanntannen zu züchten.

Vor ein paar Jahren hatte ich beschlossen, dem Nordmanntannenterror die Stirn zu bieten und nach einem geeigneten Alternativbaum Ausschau zu halten. In einer Weihnachtsbaumschule in Oberbayern stieße ich auf eine kleine, etwas verkrüppelte Kiefer, die mir leid tat, weil sie neben den tadellos-kerzengeraden, irgendwie militärisch aussehenden Nordmännern buchstäblich auf verlorenem Posten wuchs. Keiner wollte sie absäbeln und zum Christbaum adeln, deswegen erbarmte ich mich dem Bäumchen.

Leider waren seine wenigen Ästchen so schwach, dass sie die regional erzeugten Bienenwachskerzen und den schönen, handgefertigten Christbaumschmuck von Manufactum nicht halten konnten. Ich habe ihm dann nur eine elektrische Lichterkette umgehängt. Trotzdem habe ich die mickrige Weihnachtskiefer geliebt. In den Stall von Bethlehem hätte sie auch besser gepasst als die präpotenten Nordmanntannen.

Zurück zum Lametta, das, siehe oben, nicht nur reaktionär, sondern auch gesundheitlich hochbedenklich ist. Echtes Lametta wird, wenn man es noch irgendwo im Internet auftreibt, aus Stanniol gemacht und enthält Blei, damit es besser fällt. Das Schwermetall Blei ist bekanntlich hochgiftig und steht auf dem Nachhaltigkeits-Index ganz oben.

Heute gibt es zwar hier und da noch Lametta, doch meist nur noch aus silberner Plastikfolie made in China. Es taugt nicht viel, weil es nicht so schön strähnig von den Zweigen fällt wie schweres, giftiges Bleilametta. Auf Ratgeberseiten im Internet findet man risikofreudige Liebhaber, die nach dem Traditions-Schmuck fahnden und sich die letzten Restposten von Riffelmacher und Weinberger sichern.

Pünktlich zum Fest warnt das Umweltbundesamt (UBA) eindringlich davor, solche Restbestände aufzukaufen. Diese Nostalgie habe ihren Preis, schreibt die um die Volksgesundheit besorgte Behörden, denn „anfangs ziert das schön fallende Bleilametta die Weihnachtsbäume, anschließend gelangen die Glitzerfäden mit den Weihnachtsbäumen in Kompostier- oder Verbrennungsanlagen“. Dadurch werde das giftige Blei in der Umwelt verteilt und könne „über den Luft oder den Nahrungspfad“ auch den Menschen erreichen. Das UBA rät folgerichtig dazu, auf bleihaltiges Lametta zu verzichten. „Vorhandene Restbestände (…) müssen als Sonderabfall entsorgt werden.“

Man könnte überlegen, gleich die ganze Weihnachtsfeierei zu entsorgen, auf dem Müllhaufen der Geschichte sozusagen. Denn nichts dürfte weniger nachhaltig sein als das „Fest der Feste“. Vom Geschenk- und Verpackungsterror, den schon Loriot auf die Schippe nahm, über den Wegwerf-Weihnachtsbaum aus der Intensiv-Monokultur, und die Weihnachtsgans (Adipositas-Alarm!) bis zu Festtags-Delikatessen wie Gänsestopfleber (Tierquälerei – geht überhaupt nicht mehr!) und Räucheraal (massiv überfischt). Wer sich dazu entschließt, eine Fernreise nach Thailand oder Australien zu buchen, um Weihnachten und Kälte (wenn vorhanden) zu entfliehen, ruiniert mindestens für die nächsten zehn Jahre sein persönliches CO2-Konto.

Also im Zweifelsfall besser zu Hause bleiben und ökologisch feiern. Statt Nordmanntanne tut es ein aufklappbares und wiederverwertbares Holzgerüst aus Fichte natur, FSC-zertifiziert. Dazu natürliche Bienenwachskerzen oder eine supersparsame LED-Lichterkette. Als Weihnachtsgansersatz gibt’s einen leckeren, veganen Festtagsbraten; Rezepte für „Gans ohne Gans“ finden sich zuhauf im Internet. Auch auf Geschenke muss im Ökozeitalter nicht verzichtet werden: Papa bekommt ein Set modischer Schlipse von Hess natur, Mama einen beutellosen Staubsauger von Heinzelmann „green technology“ und Sohnemann den Modellbausatz „Wir bauen einen Windpark“. Opa mit seinem nervigen Faible für Militärmärsche und Lametta ist zum Glück schon tot.

Ein Gedanke zu „„Wir bauen uns einen Windpark“ und andere Weihnachtsüberraschungen“

  1. Jetzt weiß ich endlich, warum mir das Autofahren keinen Spaß mehr macht: Es liegt am bleifreien Benzin ! Wir müssen unbedingt das bleihaltige Benzin wieder einführen…

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