Mulchmäher – neuer Generalangriff auf die Artenvielfalt. Ein Beitrag von Dr. Friedrich Buer

Das Mulchen von Straßen- und Wegrändern muss aufhören.

Technischer Fortschritt ja bitte, aber er darf sich nicht gegen die Artenvielfalt richten. Es gibt bewährte Mähtechniken, wie die Balkenmäher, die schonender mit der Natur umgehen und den Bewuchs sauber abschneiden. Freischneiden und mähen sollte im Herbst oder Winter erfolgen oder ausnahmsweise im Sommer, wenn es der Verkehrssicherheit dient.

Mulchmäher häckseln alles zusammen, was nicht fliehen kann und zwar zurzeit auch im Sommer, wenn alles blüht und wächst. Sogar an Waldwegen wird gemulcht. Zusätzlich fördert das Mulchen die Überdüngung und beschleunigt den Wasserabfluss.

Mulchgerät
Mulchgeräte: der sichere Tod für viele Pflanzen, Tiere und Pilze

 

Raupe Schwalbenschwanz
Raupe des Schwalbenschwanz

Mulchmäher sind ein Beispiel dafür, wie Technik missbraucht werden kann und die Folgen unterschätzt werden. Sie mähen nicht nur, sondern häckseln das Mähgut. Deshalb kann es liegenbleiben und da kompostieren, wo es gewachsen ist. So bewegen sich seine Nährstoffe im Kreislauf und Kosten werden gespart. Vor allem aber, nach dem Mulchen sieht alles „sauber und ordentlich“ aus. Wirklich ein Fortschritt? Direkt vor Mulchmäher stehen weiß blühende Wilde Möhren. Sie sind Futterpflanze für die Raupen des Schwalbenschwanz, an der auch seine Puppe hängen kann. Beide sind bestens getarnt. Doch der Mulcher zerquetscht sie.

Schwalbenschwanz frisch geschlüpft
Schwalbenschwanz, frisch geschlüpft

Der Mulchmäher häckselt nicht nur das Mähgut, sondern alles, was in sein Schneidwerk gerät und nicht fliehen kann, egal ob Cola-Dosen, Plastiktüten oder Kleintiere. „Sauber und ordentlich“ ist danach, doch für die Natur ist es das Todesurteil.

Grüne Krabbenspinne auf einer Brennnessel. Bestens getarnt. Der Mulcher häckselt sie.
Grüne Krabbenspinne auf einer Brennnessel. Bestens getarnt. Der Mulcher häckselt sie. Spinnen sind faszinierende Tiere und die wichtigsten Gegenspieler der Insekten.

Es sind vor allem Spinnen und Insekten sowie ihre Entwicklungsstadien, die gehäckselt werden. Meist sind sie klein und unscheinbar. Trotzdem stellen sie den Löwenanteil der Artenvielfalt unter den Tieren in Deutschland. Ja, sie sind das unverzichtbare Glied vieler Nahrungsketten, ohne das größere Tiere, wie zum Beispiel viele Vogelarten, nicht überleben können. Doch der Mulchmäher frikassiert auch Schnecken, Frösche, Eidechsen, Blindschleichen, Vogelnester und Junghasen.

Blindschleiche
Gemulchte Blindschleiche

Er hinterlässt eine Spur des Todes. Selbst streng geschützte Orchideen werden vernichtet. Außerdem fließt Regenwasser auf glatt rasierten Flächen schneller ab – ein weiterer Nachteil bei Starkregen.

Wegrain 1
Wegrain und Waldrand sind zu Tode gemulcht – sauber und ordentlich.

Für die Artenvielfalt hat das Mähgut, das an Ort und Stelle kompostiert wird, schlimme Folgen. Kompost ist Dünger, der wenige Pflanzenarten einseitig fördert wie zum Beispiel Brennnesseln und Löwenzahn. Diese düngerliebenden, „nitrophilen Ruderalpflanzen“ verdrängen alle Pflanzenarten, die an mageren Boden angepasst sind. Sie stellen die Mehrzahl unserer Pflanzenarten. Von ihnen wiederum leben die meisten Kleintierarten und von denen größere Tiere wie Eidechsen und Vögel.

Wegrain 2
Die Nester der Feldlerche sind zerstört und zahllose Kleintiere frikassiert.

Hinzu kommt, dass düngerliebende Pflanzen kräftig und dicht wachsen. Dadurch erreichen die Sonnenstrahlen und der Wind nicht mehr den Boden. Das Mikroklima verschiebt sich von bisher trocken, warm und sonnig nach feucht, kühl und schattig. Das verdrängt weitere Pflanzen- und Tierarten.

Heuproben
Der Mulcher lässt Kleintieren keine Chance, anders als bei einem sauberen Schnitt. Beide Heuproben wiegen jeweils 40 Gramm.

Selbstverständlich gehören auch Löwenzahn, Brennnesseln und andere nitrophile Pflanzen zur schützenswerten Artenvielfalt. Zum Problem werden sie durch die zusätzliche Düngung aus der Luft. Jahr für Jahr regnen pro Hektar (= 10.000 Quadratmeter) 40 kg Stickstoffdünger aus Abgasen auf alle Gebiete Deutschlands nieder, selbst auf Reinluftgebiete wie den Schwarzwald. Mit dieser Menge wurden vor fünfzig Jahren die Felder gedüngt. Jetzt setzt das Mulchen noch eine Portion drauf, ebenfalls Jahr für Jahr.

Gelege 1
Links oben im Bild zerstörte der Mulchmäher dem Gelege einer Reiherente die Deckung

Fatal ist das Mulchen für Bodenbrüter. Wo sollen die Lerchen noch brüten, wenn nicht an den Wegrändern? Sogar Weiherränder werden gemulcht.

Gelege 2
Die Eier blieben zwar heil, aber nun liegen sie als leichte Beute auf einem Präsentierteller. Muss das sein?

Mulchmäher bringen selbst an die Ränder der Waldwege Tod und Verderben. Die Opfer sind meist klein und werden schnell gefressen. Deshalb findet man meist nur Reste.

Brennnesseln sind verhasst, Schmetterlinge werden geliebt. Aber Brennnesseln sind die Futterpflanzen vieler Schmetterlinge z. B. von Tagpfauenauge und Kleiner Fuchs. Werden Brennnesseln gemulcht, trifft es auch die Raupen und damit die geliebten Schmetterlinge.

Von dem Generalangriff auf die Artenvielfalt sind fast alle Straßen- und Wegränder betroffen. Sie sind wie ein riesiges Netz von Lebensräumen, die ganz Deutschland überziehen.

Tagpfauenauge
Ohne Brennnesseln kein Tagpfauenauge, hier auf einem Sommerflieder im Garten. Auch der Kleine Fuchs und viele andere Falter brauchen Brennnesseln. Daran sollten Gartenfreunde denken, wenn Brennnessel gemulcht werden.

Allein die Autobahnen, Bundes-, Land- und Kreisstraßen sind 230.100 km lang. Dazu kommen Feldwege, Waldwege und viele Gemeindestraßen. Da Straßen und Wege zwei Ränder haben, addiert sich die Länge der Straßen- und Wegeränder auf mindesten eine Millionen Kilometer! Das ist ein Band, das fünfundzwanzigmal um die Erde passt! Selbst wenn davon nur die Hälfte unter den Mulchmäher kommt, ist das ein Fiasko für die Artenvielfalt.

Dürer
Das Große Rasenstück von Albrecht Dürer

Vor über 500 Jahren malte Albrecht Dürer Das Große Rasenstück. Es hängt in der Albertina in Wien und ist von unschätzbarem Wert. Dürer erkannte die Schönheit der Natur und die Harmonie ihrer höheren Ordnung. Heute mulchen wir diese Schönheit und Harmonie, damit es wieder ordentlich und sauber aussieht. Welche Barbarei!

Zum Autor:

Dr. Friedrich Buer ist freier Biologe und Beirat im VLAB (Verein für Landschaftspflege und Artenschutz in Bayern). Er ist maßgeblich, zusammen mit Enoch zu Guttenberg, an der Anti-Windkraft-Bewegung in Deutschland beteiligt. In zahlreichen Publikationen und Vorträgen wirbt der Wissenschaftler für ein Umdenken im antiquierten Umwelt- und Naturschutz. Dr. Friedrich Buer ist darauf spezialisiert, neueste Forschungsergebnisse verständlich und sehr unterhaltsam zu servieren. Seine Vorträge sind ein Brückenschlag zwischen Biologie und Technik sowie Wirtschaft, Politik und Gesellschaft.

http://drfriedrichbuer.blogspot.de/

http://biomitbuer.blogspot.de/

 

3 Gedanken zu „Mulchmäher – neuer Generalangriff auf die Artenvielfalt. Ein Beitrag von Dr. Friedrich Buer“

  1. An dieser Stelle möchte ich mich einmal ganz herzlich für die wunderbaren Beiträge von Herrn Dr. Buer zur Artenvielfalt und ihrer Gefährdung bedanken. Sie sprechen mir aus der Seele, Herr Dr. Buer, denn ich mache mir viele ganz ähnliche Gedanken, z. B. eben genau über diese verheerenden Mulchmäher oder ständiges Rasenmähen oder allgemein die Lebensfeindlichkeit vieler „totgepflegter“ Gärten und Friedhöfe, sprich über Dinge, über die die meisten Leute keine Sekunde nachdenken, weil sie ihnen zur Gewohnheit geworden sind – und weil es alle tun.

    Genau deshalb hasse ich motorisierte Rasenmäher, die allüberall den ganzen Sommer über alles zerhäckseln, was nicht sofort wegfliegen kann. Ich selbst verwende daher nur für die Wege und die wenigen wirklich genutzten Flächen einen Spindelmäher, sehr empfehlenswert! Der Rest ist Wiese, die ich am liebsten mit der Sense mähe, also zeitaufwendig mit der Hand, aber am schonendsten für Lebewesen, Umwelt (kein Lärm und Gestank) und meine Nerven. Sensenmahd ist geradezu meditativ! Da ich die großen Flächen mit Langgras und wildem Gehölzaufwuchs kaum mehr schaffe, habe ich mir im letzten Jahr widerwilligst einen Hand-Kreiselmäher angeschafft (relativ neu auf dem Markt), da Hand-Balkenmäher mit Rückwärtsgang sehr schwer sind und für verwilderte Streuobstwiesen mit Stöcken, Steinen usw. auch nicht optimal geeignet. Ich verwende diesen Mäher allerdings nur in höchster Einstellung, nur auf Teilflächen und nur im Spätherbst – und gehe vorher mit einem Rechen durch, um etwaige im Gras versteckte Tiere aufzustöbern und zur Flucht zu veranlassen. Und ich markiere die diversen kleinen und großen Ameisenhaufen, die ich im Gras entdecke, um sie schadlos umfahren zu können. Man kann sich in etwa vorstellen, für wie verrückt mich zusehende Rasenmäher-Nachbarn halten! Doch das nehme ich für meine Heuschrecken, Spinnen, Ameisen usw. gerne in Kauf. Mögen es mir ein paar Leute gleich tun und möge die gute alte Sense eine Renaissance erleben!

  2. Wenn ich mir jetzt in dieser Jahreszeit die Bankette so anschaue sehe ich überwiegend gelb. Die meisten dieser gelben Pflanzen sind Jakobskreuzkraut, das in seiner vollen Blüte steht. Warten wir noch etwas bis der Samen voll entwickelt ist und Kilometer weit verbreitet wird. Dies ist für Pferdehalter sehr interessant.
    Ausserdem stellt man fest, wen man mit seinem Hund an der Leine durch Waldwege geht, deren Bankette nicht gemulcht oder gemäht werden , daß dieser anschließend voller Zecken ist, die sich gerne im hohen Gras aufhalten.
    Ich weiß nicht wieviel Vögel auf den Mittelstreifen von Autobahnen brüten? Diese würden meiner Ansicht nach an Windschutzscheiben von LKW und PKW enden.
    Ich betreibe aktiven Naturschutz, muss aber sagen gewisse Maßnahmen sind auch hier erforderlich um unsere Umwelt und unsere Lebensbedingungen zu erhalten. Naturschutz ist immer ok aber wo bleiben die Menschen

    1. zum Kommentar von Hr. Fett:
      Wenn ich die Bankette, große Böschungen und auch die Wiesenflächen in großen Autobahnschleifen anschaue, dann sehe ich meistens nur gelbbraunen gemulchten Matsch.
      Wenn nach ein paar Wochen wieder was grünes durchkommt,
      dann ist es meistens nur Gras oder Brennessel, weil ja sonstige
      Kräuter und Blumen keine Chance mehr haben.
      Daß im Straßenmittelstreifen keine Vögel brüten sollten, ist ja wohl selbstverständlich, aber es gibt haufenweise große Straßenrandböschungen und Begleitflächen, teilweise mit Büschen und Bäumen bepflanzt, wo genügend Platz für eine schöne Wiese wäre, aber nein, alles wir plattgemacht.
      Wozu braucht der Mensch auch eine Natur?
      Das gleiche Argument wurde in Augsburg gebraucht, als es darum ging, in den letzten verbliebenen Rest „Urwald“ mitten in der Stadt am Zusammenfluß von Lech und Wertach Industrieflächen zu errichten. Argument damals:
      was ist wichtiger, ein paar Frösche und Molche oder Arbeitsplätze?
      Die Menschheit ist dermaßen kurzsichtig und hat keinen Bezug mehr zur Natur.
      Keine Schmetterlinge mehr? Bienensterben?
      Was soll´s, Hauptsache es sieht schön sauber aus.

      Es gibt ja die nette Anekdote über die Planeten im Weltall:
      der Mars trifft die Erde und schaut besorgt „ja Erde, was ist mit Dir los, schaust ja schlecht aus?“
      Drauf die Erde “ ach, keine Angst, ich hab mir nur die homo sapiens eingefangen, aber das geht vorbei“

      Der Beitrag von Hr. Buer drückt genau das aus, was mich auch so betroffen macht, wenn ich durch unsere Landschaft fahre.
      Irgendwann, wenn dann alles totgemulcht und ausgestorben ist, kann man ja wieder ein teures Rückbesinnungsprogramm ausführen.

      Meine Beitrag zur Bekämpfung dieses Irrsinns:
      ich reche immer wieder auf gemulchten Flächen das Mulchmaterial einfach zusammen und sammle es auf großen Haufen.
      Ist zwar nur einTropfen auf den heißen Stein, aber ich hab das Gefühl, wenigstens hab ich´s versucht………

      Arme Natur, wirst jeden Tag vor den Augen aller vergewaltigt, und kein Hahn kräht danach…….
      Wenn´s nur mehr Menschen vom Schlage eines Hr. Buer oder von Fr. Macht geben würde………

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