Der „White trash“ und die Energiewende

Die Berliner Umweltzeitung „Der Rabe Ralf“, herausgegeben von der in Ostdeutschland tätigen Grünen Liga,  bringt in ihrer aktuellen Ausgabe ein Interview mit Niko Paech zu seinen Thesen in dem von mir herausgegebenen, Energiewende kritischen Buch „Geopferte Landschaften“. Darin wiederholt der prominente Wachstumskritiker seine Feststellung, dass die Energiewende längst kein ökologisches Projekt mehr sei, sondern sich in das genaue Gegenteil verwandelt habe. Ohne Wachstumswende sei so etwas wie eine Energiewende nicht zu schaffen.

Für unerschütterliche Ökofundis und Energiewende-Jünger muss es eine Überraschung gewesen sein, dass ausgerechnet Paech, den sie für einen der ihren halten, so gnadenlos mit ihrem Lieblingsprojekt zur linksgrünen Weltenrettung, der Energiewende, abrechnet. Die Fragen des Redakteurs spiegeln diese Überraschung:

An welcher Stelle haben die Vordenker einer dezentralen, bürgernahen Energiewende wie Hermann Scheer sich Ihrer Ansicht nach geirrt?

oder

Muss es einem nicht zu denken geben, wenn Atomkraftbefürworter und Klimawandelleugner ein Buch wie „Geopferte Landschaften“ loben?

oder

Fühlen Sie sich wohl als Mitautor in einem Sammelband, der Windräder und Solaranlagen verdammt, aber Tagebaue im Rheinland und in Kolumbien ebenso hinnimmt wie Autobahnen und Zersiedlung? Brauchen wir nicht eher eine progressive, linke, ökologische Energiewende-Kritik, die außerdem über den europäischen Tellerrand schaut?

Paech lässt sich von den manipulativen Fragen des Journalisten Matthias Bauer nicht aus der Fassung bringen und pariert überzeugend.

„Selbstverständlich brauchen wir eine Energiewende-Kritik im globalen Maßstab, und alle, die sich für progressiv, links und ökologisch halten, sind aufgerufen, sich einzubringen. Aber dass Sie demgegenüber die Kritik der Autoren von „Geopferte Landschaften“ diskreditieren, verrät nur einen ideologischen Vorbehalt und ist ansonsten unsachlich. Wie kommen Sie außerdem darauf, dass die Autoren Kohle-Tagebaue und Autobahnen hinnehmen würden, nur weil dies nicht das Thema des Buches war? Derartige Scheußlichkeiten sind die logische Konsequenz eines Wohlstandsmodells, das durch die Energiewende gerade nicht in Frage gestellt, sondern mit ökologischem Anstrich gerettet werden soll. Und solange die Energiewende nicht funktioniert, wird das Wohlstandsversprechen auf dem Rücken der Ökosphäre ausgetragen.“

So weit, so interessant. In einer weiteren Frage oder besser gesagt wertenden Feststellung des Journalisten wird der Graben besonders deutlich, den die angeblich so progressiven Klimaschützer von den angeblich so konservativen Naturschützern mittlerweile trennt und die großen Umweltverbände vor eine Zerreißprobe stellt..

Das Buch, so Bauer, sei „in weiten Teilen eine konservative, naturschützerische, regionalbezogene Kritik an der Energiewende. „Böse gesagt“ schrieben hier „ältere Herren über ihre Befindlichkeiten und hätten entweder gar keine Alternativen anzubieten oder verlangen die nötigen Einschränkungen von den anderen“.

Es ist bemerkenswert, dass der Begriff „naturschützerisch“ in der Szene der vorwiegend städtischen Lifestyleökos und Klimaschützer inzwischen so etwas wie ein Schimpfwort ist.  Und mit der Bemerkung, hier schrieben doch nur „ältere Herren über ihre Befindlichkeiten“ wird nicht nur die Dimension der mittlerweile angerichtete Naturzerstörung durch die Energiewende in grotesker Weise klein geredet und zu einer privaten Befindlichkeitsstörung erklärt. Hier fühlt sich der Herausgeber auch persönlich angesprochen.

Ich bin gerade 55 Jahre alt geworden, ein junger Hüpfer bin ich längst nicht mehr, will das auch gar nicht sein. Ich schätze vielmehr die relative Gelassenheit und Weisheit der späteren Jahre, zumindest dann, wenn der Rücken und die Knie gerade mal nicht schmerzen.  Aber dass man mir einen Strick daraus dreht, nur weil ich nicht mehr 17 bin und männlich (und weiß), halte ich, ehrlich gesagt, für diskriminierend. Das ähnelt den Einlassungen jener Kommentatoren, die den Brexit und den Sieg Donald Trumps mit dem rückwärtsgewandten Wahlveralten wütender, „alter, weißer Männer“ zu erklären versuchten. Jenes Bevölkerungsanteils, den die auf Gleichberechtigung und Vielfalt geeichten städtischen Eliten gerne als „white trash“ denunzieren.

Dass  in „Geopferte Landschaften“ ausschließlich nicht mehr ganz jugendliche Männer schreiben, war keine  Absicht. Ich hatte mich sehr um die Mitarbeit von Frauen bemüht, leider aber ist mir die einzige, die kompetent war und bereit mitzumachen, wieder abgesprungen. Sie ist nicht nur Frau, sondern auch Lesbe, was mir ermöglicht hätte, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen und die LSBTTIQ-Quote (Lesbisch, Schwul, Bisexuell, Transsexuell, Transgender, Intrasexuell, Queer), mich selbst mitgerechnet, sogar überzuerfüllen.

Ich nehme jede Kritik ernst und freue mich über kontroverse Diskussionen, in diesem Fall über die Energiewende. Dass Bücher nur dann ernst zu nehmen sind, wenn sie sämtliche Frauen-, LSBTTIQ-, Ausländer-, und Flüchtlingsquoten und alle sonstigen Gebote der political correctness einhalten, mag mir jedoch nicht einleuchten. Ach ja, ein bisschen stolz bin ich auf unseren Mitautor Sabri Mete, der als türkischer Einwanderer seine Liebe zum deutschen Wald entdeckt und über dessen Zerstörung durch die Windindustrie sehr bewegend geschrieben hat.  Darf der das? Noch eine Überraschung, lieber Kollege Bauer!

2 Gedanken zu „Der „White trash“ und die Energiewende“

  1. Sehr geehrter Herr Etscheid, liebe Diskutantinnen und Diskutanten,

    danke für die Herausgabe von „Geopferte Landschaften“. Ich bin noch beim Lesen, ebenso wie Niko Paech’s Buch „Befreiung vom Überfluss“. (Für Aktivisten ist die Zeit zum Lesen knapp.)

    Oben zitieren Sie Paech. In diesem übergreifenden Zusammenhang drängt mich eine Tendenz seines Buches zum Kommentar. Auf S. 138 schreibt Paech: „Sinnvoll könnte eine Akzentverlagerung von der abstrakten zur handwerklichen Befähigung und Sesshaftigkeit sein.“

    Das kann als gesteuerte Abkehr von der Aufklärung verstanden werden, welche unsere gesellschaftlich-kulturelle Entwicklung seit etwa dem 16. Jh. geprägt hat. „Hand“werken mit eingeschränktem Wissen? Sollen Wissen, Bemühen um Weltverständnis aus Wissen, Entwicklung von Neuem wieder zum Privileg werden ?

    Diese Frage muss in der Postwachstumsdiskussion vertieft werden.

    Grüße in die Runde,
    Rudolf Ahrens-Botzong
    http://www.corvuspalatinus.de/

  2. Die Bundesregierung erwägt eine FakeNews-Clearingstelle. Facebook hat Ähnliches geplant: ausgerechnet die Fokus-Onlineredaktion soll dazu herhalten, obwohl gerade diese Redaktion nun in der Branche ganz besonders für ihre „überpointierten“ Meldungen berüchtigt ist. Der Sachverständigenrat rügt die Unfachlichkeit der Regierung bei der Durchführung der Energiewende. Ganz besonders rügt er die Resistenz gegen fundierte, wissenschaftlich belegte Fakten. Die Windkraft- und Ökobranche flutet Schulen und Schulbuchverlage mit manipulativen „Unterrichts-Hilfsmitteln“ und Suggestiv-Materialien. Gestandene Lehrerkollegien verdammen Informationsangebote über Ausbildungen bei der Bundeswehr als „Kriegstreiberei“ – und übernehmen kritiklos die Gehirnwäsche des Ökolobbyismus. Und ein linkes Blatt namens „Der Rabe Ralf“ entblödet sich nicht, einem Wissenschaftler wie Prof. Niko Paech ziemlich dumme suggestive Fragen zu stellen. Die Bundesregierung darf Unsinn machen, die Mitarbeiter (von Journalisten wollen wir mal nicht sprechen) von „Der Rabe Ralf“ dürfen das auch. Die Lehrer dürfen keinem Lobbyismus auf den Leim gehen. Aber – was solls? Schließlich sind es die Landesregierungen, die ihren Lehrern und Schulen, ihren Bediensteten und allen Bürgern bedenkenlos Sand in die Augen streuen. Und ein Bundesministerium leistete es sich sogar, einen Journalisten öffentlich auf eine Schwarze Liste zu setzen, weil er sich erlaubte, die Klimatheorie kritisch zu untersuchen.

    Abgesehen davon, dass wir solche ideologische Indoktrination mit der systematischen Ausgrenzung Andersdenkender schon einmal hatten: kommt denn keiner auf die Idee, dass Klimaschutz nicht funktioniert, wenn schon das Sozialklima gegenseitigen, respektvollen Umgangs bedenkenlos von Ideologen ruiniert wird?

    Wir müssen anders miteinander umgehen. Nicht die Anhängerschaft zu einer bestimmten Lehre sollte das Hauptkriterium im gegenseitigen Umgang sein. Vielmehr sollten wir die Bereitschaft zum ergebnisoffenen Dialog als Kriterium für gegenseitige Akzeptanz unmissverständlich einfordern. Damit fordern wir nicht nur eine Gesprächskultur nach guter, akademischer Sitte, sondern eine elementare demokratische und soziale Grundvoraussetzung fürs Zusammenleben.

    In sozialen Netzwerken sollten wir, statt mit Emotionen, mit sachlichen Argumenten aufwarten und Nachweise liefern. Statt zu konstatieren, sollten wir durch Fragen unser Gegenüber auffordern, sich zu möglichen Widersprüchen zu artikulieren.

    Die Energiewende hat, bedingt durch ihre Dogmatik, zur Verrohung der Kommunikation geführt. Die Art, WIE wir kommunizieren, legitimiert oder delegitimiert uns. Anders gesagt: „An der Handschrift sollt ihr sie erkennen!“
    Diesen Satz, diese Haltung, schleudere ich allen entgegen, die mich mit ideologischen Voreingenommenheiten angehen. Eine schlechte Handschrift in der Kommunikation, eine schlechte Handschrift in der Debatte um die Energiewende, – aber auch eine schlechte Handschrift in deren Umsetzung disqualifiziert ihre Protagonisten. Wer die Spielregeln nicht einhält, muss den Platz verlassen!

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