Wo sind die Windmühlen?

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Hansjörg Küster, Pflanzenökologe am Institut für Geobotanik der Universität Hannover, ist ein ernst zu nehmender Wissenschaftler und eifriger Buchautor. Er hat schon einiger Bücher vorgelegt, die sich vor allem mit der Historie deutscher und europäischer Kulturlandschaften auseinandersetzen („Geschichte der Landschaft in Mitteleuropa – Von der Eiszeit bis zur Gegenwart“, „Die Entdeckung der Landschaft – Einführung in eine neue Wissenschaft“). Sein 2008 erschienener Band über die „Geschichte des Waldes“ ist ein Standardwerk.

Jetzt hat Küster im Verlag C.H Beck ein neues Buch herausgebracht, in dem er auf fast 400 Seiten eine Auswahl „der  schönsten“ deutschen Landschaften präsentiert. Darunter finden sich etwa mit der Insel Rügen, dem Elbsandsteingebirge, der Lüneburger Heide und dem Wettersteingebirge die sattsam bekannten Touri-Highlights, allerdings auch weniger bekannte Flecken wie das für seine prächtigen Bauernhöfe bekannte Artland um Quakenbrück, das Land Lippe mit seinen Buchenwäldern oder den Kaiserstuhl.

Dass Küster auch die Ballungsräume von Hamburg, Berlin, Frankfurt am Main, Stuttgart, Heidelberg und München zu den „schönsten“ deutschen Landschaften zählt, verwundert allerdings. Und auch die Parklandschaft des Dessau-Wörlitzer Gartenreichs passt nicht recht in diese Kategorie, zumal andere berühmte deutsche Kulturlandschaften, die mit Fug und Recht zu den „schönsten“ gezählt werden können, fehlen: die Vulkaneifel etwa, die Rhön, die Fränkische Schweiz oder das Moseltal.

Die Auswahl wirkt deswegen überhaupt allzu willkürlich, sie changiert auch zwischen sehr kleinräumigen Landschaften wie Helgoland oder dem Drachenfels im rheinischen Siebengebirge und solchen, die ganze Bundesländer umfassen („Meerumschlungen – Schleswig-Holstein“).  Küsters Texte befassen sich vor allem mit der Geschichte von Landentstehung und Landnutzung und es drängt sich der Verdacht auf, dass es sich um eine Zweitverwertung von bereits publizierten Texten handelt, mit der Küster und sein Verlag von der von Peter Wohlleben („Das geheime Leben der Bäume“) angestoßenen Naturbuch-Euphorie zu profitieren versuchen.

Ärgerlich ist die Tatsache, dass die größe und einschneidenste Welle der Landschaftsveränderung seit dem Zweiten Weltkrieg, die derzeit im Zuge der „Energiewende“ so gut wie alle deutschen Landschaften regelrecht umkrempelt, bei Küster keine Rolle spielt. Selbst im Vorwort kommt der Autor auf diese epochalen Entwicklungen nicht zu sprechen. Und nur auf einem einzigen Foto – es zeigt die Schleimündung an der Schleswig-Holsteinschen Ostseeküste, sind ganze drei (!) Windkraftwerke zu sehen, obwohl das Land mittlerweile, wie fast der ganze Norden und Osten Deutschlands, mit Windindustrieanlagen flächendeckend überzogen ist.

In dieser Beziehung reiht sich Küsters Buch nahtlos ein in Veröffentlichungen, vor allem touristischer Natur, in denen die Verwandlung der wertvollsten deutschen Landschaften in unwirtliche „Energie“ (sprich Industrie)-landschaften schlichtweg  geleugnet wird.

 

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