Sind unbewirtschaftete Wälder artenreicher als Wirtschaftswälder?

Das Jahr 2015 wurde von dem bayerischen Forstminister Helmut Brunner zum „Aktionsjahr Waldnaturschutz“ erklärt. In seiner Regierungserklärung v. 01.07.2014 skizzierte er den „Bayerischen Weg“ im Waldnaturschutz: „Durch die Berücksichtigung von Naturschutzaspekten auf der ganzen Waldfläche Bayerns erreichen wir eine viel größere Breitenwirkung als durch zusätzliche Großschutzgebiete. Und es ist einfach falsch, dass Waldnaturschutz nur in Naturschutzgebieten oder Nationalparken möglich sein soll (…). Das Motto des Bayerischen Wegs in der Waldbewirtschaftung heißt deshalb: Schützen und Nutzen auf ganzer Fläche.“

Viele Experten bezweifeln, dass mit dieser einseitigen Strategie ein effektiver Waldnaturschutz möglich ist. Um die Biodiversität in den Wäldern zu erhalten und zu fördern müsse man sowohl den Wirtschaftswald naturnah bewirtschaften, als auch weitere Schutzgebiete, wie Naturwaldreservate, Bannwälder und Waldnationalparks, schaffen. Nur so könnten auch seltene und hochgefährdete Arten langfristig erhalten werden. Die Waldökologen Jörg Müller und Franz Leibl fassten die Ergebnisse einer europaweiten Meta-Analyse von PAILLET und anderen aus dem Jahr 2010 zusammen (AFZ-Der Wald, 17/ 2011). Ihr Ergebnis ist eindeutig: Der Artenreichtum steigt mit zunehmendem Waldalter und einer durch den Menschen ungestörten Waldentwicklung. Über fast alle Artengruppen hinweg waren die Artenzahlen in Waldschutzgebieten signifikant höher als in Wirtschaftswäldern. Die Waldbewirtschaftung zeige insbesondere negative Auswirkungen auf Moose, Flechten sowie auf holzbewohnende Pilze und Käfer. Nur bei den Gefäßpflanzen waren die Artenzahlen in Wirtschaftswäldern höher als in unbewirtschafteten Wäldern. Bodenverwundungen durch Holzerntemaßnahmen und Nährstoffeinträge durch den Waldwegebau würden ständig neue Wuchsorte für Störungs- und Eutrophierungszeiger sowie für Neophyten schaffen und dadurch deren Artenzahlen erhöhen.

Ihr Fazit: „Die Aussage, dass bewirtschaftete Wälder in Europa artenreicher seien, ist nach heutiger Datenlage nicht mehr haltbar und irreführend.“

Quellen:
PAILLET, Y. et al. (2010): Biodiversity Differences between Managed and Unmanaged Forests: Meta-Analysis of Species Richness in Europe, Conservation Biology 24 (1): 101 – 112.

MÜLLER, J. & LEIBL, F. (2011): Unbewirtschaftete Waldflächen sind europaweit artenreicher, AFZ-Der Wald 66 (17): 20 – 21.

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