Mehr Elstern und trotzdem mehr Kleinvögel – warum? Ein Beitrag von Dr. Friedrich Buer

Eigentlich sollte es umgekehrt sein, denn Elstern räubern Nester von Amseln und anderen Kleinvögeln aus. Sie leiden unter den Elstern. Aber warum werden dann die Kleinvögel in einer Stadt nicht weniger, sondern nehmen sogar noch zu, obwohl sich die Elstern um das Vierfache vermehrt haben? Weil das Verhältnis zwischen Räuber und ihren Opfern anders ist, als oft vermutet.

Der Ornithologe Dr. Gerhard Kooiker hat von 1984 bis 1998 in der Großstadt Osnabrück die Entwicklung von 18 Stadtvogelarten und die der Elstern und auf einer Fläche von 23,6 km2  untersucht. Erfasst wurden die Paare von Ringel- und Türkentauben und 16 kleinen Singvogelarten, wie z. B. Meisen, Rotkehlchen, Buchfinken und Amseln. 1985 zählte er 73 Elsternpaare und 1997 waren es 287 – also 214 Elsternpaare mehr!  In der gleichen Zeit nahmen die 18 untersuchten Stadtvogelarten um 42 Prozent zu. Nur die  Buchfinken nahmen um 25 Prozent ab, warum konnte nicht geklärt werden, denn es gibt viele Ursachen für Bestandsschwankungen. An den Elstern wird es aber weniger gelegen haben, denn sonst hätten die anderen 17 Vogelarten nicht um 42 Prozent zugenommen.

Elster (Zeichnung nach Savage, 1995, aus von Kooiker/Buckow, 1999)

 

Viele Gründe für Populationsschwankungen

Warum es einmal mehr und einmal weniger Vögel einer Art gibt, ist letztlich unbekannt. Es kann am veränderten Lebensraum liegen, am Wetter oder Klima, am Nahrungsangebot, an Parasiten oder Seuchen, an der Konkurrenz durch andere Vogelarten, an Beutegreifern und Nesträubern, an inneren Ursachen und vielen anderen Faktoren, die sich auch noch überlagern, verstärken oder abschwächen können. Außerdem sind ganz sicher noch viele unbekannt, denn sonst könnten nicht immer wieder neue entdeckt werden.  Andererseits ist offensichtlich, dass Wasservögel ohne Wasser keine Chance haben und ohne Nahrung kein Vogel leben kann.

Rotte niemals Deine Beutetiere aus!

Elstern sind Allesfresser, wie Ratten und Menschen. Das hat den großen Vorteil, dass es immer irgendetwas gibt und schlechte durch gute Nahrung kompensiert werden kann. Deshalb predigt man uns Mischkost und deshalb  macht uns einseitige Ernährung krank. Bei Elstern besteht die Mischkost aus Würmern, Spinnen, Insekten, Mäusen, Fischen, Vögeln, Aas, Getreidekörnern, Wildkrautsamen, Früchten, Vogelfutter, Hundefutter, Hühnerfutter, Schulbroten, Abfällen und allem, was  ihnen sonst noch vor den Schnabel kommt. Jungvögel und Vogeleier machen maximal drei bis vier Prozent aus und das auch nur während der kurzen Brutzeit. Aber es stimmt schon, aus der Sicht ihrer lebenden Futtertiere, also auch aus der Sicht der Vogelbrut, sind Elstern Räuber, auch wenn sie oft nur kranke oder unvorsichtige Tiere erwischen. Doch für alle Räuber gilt eine eherne Regel:

Rotte niemals Deine Beutetiere aus, denn sonst kannst Du nichts mehr räubern und hast den Ast abgesägt, auf dem Du sitzt.  Wer als Räuber dagegen verstößt, stirbt aus. Deshalb gibt es solche Räuber nicht.

Elsternflügel mit Endfedern und Schillerfarben, die durch Interferenz (Änderung der Amplitude bei der Überlagerung von zwei oder mehr Lichtwellen) entstehen. Bild: Copyright F. Buer
Elsternflügel mit Endfedern und Schillerfarben, die durch Interferenz (Änderung der Amplitude bei der Überlagerung von zwei oder mehr Lichtwellen) entstehen. Bild: Copyright F. Buer

 

Städte sind  Oasen der Artenvielfalt und ohne Jagd

Aber warum werden nun die Elstern mehr und die Kleinvögel auch? Darüber können wir nur spekulieren. Offensichtlich aber haben sich für Elstern und Kleinvögel die Lebensumstände in den Städten verbessert und dazu gehört auch das bessere Nahrungsangebot dort und dass Elstern nicht gejagt werden können. Dafür aber im Umland und so nennt der Landesjagdbericht für Niedersachsen unglaubliche 31.712 abgeschossene Elstern allein in 2003. Pro Jahr werden in Deutschland über zwei Millionen Vögel abgeschossen, darunter 324.000 Rabenvögel, also Elstern, Eichelhäher und Krähen. Immer wieder wird gegen diesen Unsinn protestiert.

Weil in den Städten kaum gejagt wird, wurden sie zu Fluchtburgen. wenn man sie mit den landwirtschaftlichen Flächen des Umlandes vergleicht. Städte sind heute Oasen der Artenvielfalt und davon profitieren alle Tiere in der Stadt.

Menschen sind diebisch – Elstern nicht

Menschen sind diebisch, das beweist die Kriminalstatistik des Innenministeriums. Für 2013 nennt sie 2.382.743 gemeldete Diebstähle allein in Deutschland. Wer noch nie gestohlen hat, sei nur noch nie erwischt worden, sagt man. Für Elstern ist nichts dergleichen nachgewiesen. Der Fotograf, der das berühmte Foto eines Elsternnestes, das mit edlen Sonnenbrillen und silbernen Teelöffeln garniert war, an eine dankbare süddeutsche Jägerzeitschrift gegeben hatte, gab nach Jahren zu, es gefälscht zu haben. Wir glauben eben, was zu unseren Vorurteilen passt. Richtig ist, dass Vögel aber auch Menschen durch Glitzerndes angelockt werden, es gern aufheben und mitnehmen. Auch Elstern machen das und so kann Glitzerndes ins Elsternnest geraten oder bei uns in die Vitrine. Diebstahl ist das nicht.

Elstern als Nestbaumeister

Das Elsternnest sieht wie eine aus Ästen gebaute Kugel aus. Das ist sie auch und schützt Eier und Nestlinge vor Nesträubern, unter denen auch die Elstern leiden. Die Kugelform betrifft aber nur das Äußere. Im Inneren bauen die Elstern eine Nistmulde, darüber ein Schutzdach und ein enges Schlupfloch. Manchmal und wenn man genau hinsieht, erkennt man das Dach über dem eigentlichen Nest. Die Nistmulde wird mit Lehm ausgekleidet und so besonders stabil. Das Elsternnest ist ein Kunstwerk, wie Kooiker schreibt. Ein von ihm und Claudia Verena  Buckow untersuchtes Elsternnest wog 4.400 g. Davon wog das Außennest 1.750 g, der Lehmnapf  2.500 g, das grobe Innennest 60 g und das feine Innennest 20 g. Er zählte 410 Zweige und sechs Stücke Zaundraht.

Elsternpaar an ihrem Nest. Bild Copyright Dr. Friedrich Buer

 

Doch es kommt noch besser. Kooiker fand 2003 im Baikalgebiet in Mittelsibirien bei dem burjatischen Dorf Sarma Elsternnester, die fast ganz aus Draht gebaut waren! Die Drahtstücke stammten von einer aufgegebenen Fischfabrik und lagen überall herum. 299 Drahtstücke zählte er in einem Nest, 95 Prozent aus Aluminium  und 4 Prozent aus Eisen. Gesamtgewicht : 4.215 g. Eines der Drahtnester wurde der pädagogischen Hochschule Irkutsch als Schaustück übergeben.

Intelligente Elstern

Wie Intelligenz entsteht, ist umstritten.  Zwar gehört ein Gehirn wohl dazu, aber an seiner Größe allein kann es kaum liegen, denn das durchschnittliche Gehirn von Männern wiegt mehr, als das der Frauen und trotzdem sind sie klüger. Eine Frau z. B. fährt von A nach B, ein Mann kämpft sich von A nach B. Außerdem hatten die Neandertaler mit 1610 g größere Gehirne als wir und Computergehirne werden immer kleiner und trotzdem immer leistungsfähiger. Das Gehirn einer Elster wiegt sogar nur mickerige 15 g. Es hat wie alle Vogelgehirne kein Großhirn (Neocortex) so wie wir und steuert trotzdem ein perfektes Wesen, das es schon länger als den Homo sapiens gibt.

Wer Auto fährt, sieht häufig Elstern am Straßenrand und oft sogar ihre Nester. Sie haben längst gelernt, dass  Autos ihnen laufend neues Futter vorwerfen, überfahrene Vögel, Mäuse, Igel, Hasen und unzählige Insekten. Also warum mühsam suchen und sich anstrengen, wenn es auch ohne geht? Unser Sozialstaat lässt grüßen. Glaubwürdige Freunde aus Berlin beobachteten Jahr für Jahr Elstern, die Nüsse bei Rot für Autos auf einen Zebrastreifen legen, sie bei Grün von den Autos knacken lassen und wenn die Autos bei Rot wieder warten müssen, den Nussbruch verzehren. Andere für sich arbeiten lassen, das ist eindeutig intelligent.

Elster betrachtet im Spiegel einen gelben Fleck an ihrer Kehle (aus Prior u. Güntürkün, 2008)
Elster betrachtet im Spiegel einen gelben Fleck an ihrer Kehle (aus Prior u. Güntürkün, 2008)

 

Elstern wissen wer sie sind

Wir Menschen haben ein Ich-Gefühl und erkennen uns im Spiegel. Tiere können das natürlich nicht, glaubte man, es sind ja nur Tiere. Dabei ist es kaum möglich zu erraten, was in den Köpfen anderer vorgeht. Doch auch Elstern und andere Vögel haben vermutlich ein Ich-Gefühl. In raffinierten Versuchen konnten das Forscher wie Helmut Prior und Onur Güntürkün nachweisen. Sie ließen Elstern in einen Spiegel sehen und sahen, wie sie sich vor dem Spiegel so hin und her bewegten, als „wollten sie sich der Übereinstimmung der Bewegungen ihres Körpers mit denen des Spiegelbilds vergewissern.“ Als sie den Elstern heimlich einen gelben Farbfleck an die Brust praktizierten, da schauten sie sich den Fleck interessiert an und nestelten mit dem Schnabel am dem Fleck herum, ähnlich wie wir, wenn wir im Spiegel einen Fleck am Kragen entdecken. Elstern wissen also, wer sie sind und dass es sie gibt, so wie wir Menschen auch.

Dr. Friedrich Buer

 

Quellen:

Bährmann, U., Die Elster. Die Neue Brehm-Bücherei. Ziemsen, Wittenberg Lutherstadt, 1968.

Beckmann, H., Protest der Deutschen Zoologischen Gesellschaft. http://www.rabenvoegel.de/protest_gegen_jagd,htm, 2001.

Bezzel, E., Deutsche Jäger schießen über 2 Millionen Vögel jährlich – warum eigentlich? Der Falke, 54, S. 234-235.

Kooiker, G., Brutbestandsentwicklung der Elster (Pica pica) in Osnabrück von 1984 bis 2005. Vogelkundliche Berichte Niedersachsen 38, 91-99, 2006.

Kooiker, G. u. Buckow, C.V., Die Elster, ein Rabenvogel im Visier. Sammlung Vogelkunde, Aula Verlag, Wiebelsheim, 1999.

Kooiker, G. Elsternnester aus Draht. Der Falke, 51, S. 356, 2004.

Prior, H. u. Güntürkün, O., Elstern: Selbsterkennung im Spiegel, Biologie in Unserer Zeit, 5/2008, S. 282

 

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