Marienkäfer, Finanzamt und die Räuber-Beute-Beziehung. Ein Beitrag von Dr. Friedrich Buer

Was haben Insekten mit Tierschutz zu tun? Wenig, jedenfalls auf den ersten Blick. Schließlich mögen wir Insekten meist nicht und denken an Flöhe und Wanzen. Auch deshalb wurden nur drei zu Haustieren: der Seidenspinner und die Honigbiene und neuerdings die Fruchtfliege, das „Haustier“ der Genetiker. Aber der Marienkäfer hat es geschafft. Er wurde zum Liebling der Menschen.

Lassen wir doch wieder einmal einen Marienkäfer auf den Finger krabbeln. Er will immer nach oben – scheinbar ein Symbol unserer Leistungsgesellschaft. Aber er sucht nur einen günstigen Startplatz zum Abflug. Warum er so auffällig gezeichnet ist? Weil er miserabel schmeckt und für einige seiner Fressfeinde sogar giftig ist. Damit er nicht aus Versehen gefressen wird, muss er auffallen. Schön rot muss er sein, weil Vögel rot besonders gut sehen, aber mit schwarzen Punkten. Sonst würden sie ihn mit Vogelbeeren oder Kirschen verwechseln.

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Als eifriger Blattlausfresser wird er geschätzt

denn er vertilgt auch Schildläuse und Milben. Doch es gibt rund 6000 Arten von Marienkäfern, davon allein 70 in Deutschland und darunter sind auch Vegetarier und einer lebt von Pilzen. Besonders gefräßig sind die Larven, die leicht über tausend Blattläuse verspeisen bevor sie sich verpuppen. Deshalb werden Spritzmittel angepriesen, die Blattläuse vergiften, aber Marienkäfer nicht. Eine Patentlösung ? Richtig ist, dass die Marienkäfer überleben. Aber nicht lange, denn jetzt fehlt ihnen das, von dem sie leben und sie verhungern. So werden sie besonders gründlich ausgerottet.

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Larve des Marienkäfers

 

Wer Marienkäfer will, muss Blattläuse dulden

Das gilt auch für die vielen anderen Blattlausfresser, etwa die hübschen Florfliegen oder Goldaugen.  Sie hungern oder verhungern, wenn sie keine Blattläuse finden. Auch viele Vögel, wie unsere Meisen und Spatzen füttern ihre Brut mit Blattläusen und anderen Insekten. Wer  im Winter Vögel füttert, darf im Frühjahr ihren Jungen nicht das Futter wegnehmen. 

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Die Blattläuse werden gefressen, aber es sitzt am längeren Hebel

Aus der Sicht der Blattläuse ist der Marienkäfer ein unersättlicher Killer. Doch er wird niemals den strategischen Fehler machen und alle Blattläuse auffressen. Denn dann hätte er den Ast abgesägt, auf dem er sitzt. Immer muss er eine unantastbare Reserve an Blattläusen erhalten, von deren Nachkommen er leben kann. Vergreift er sich an dieser Reserve, ist er verloren und stirbt aus. Deshalb haben nur Marienkäfer überlebt, die diesen strategischen Fehler niemals gemacht haben.

Je mehr Blattläuse, desto mehr Marienkäfer können von ihnen leben und je weniger Blattläuse, desto weniger. Es klingt paradox, aber es ist so: Nicht der Marienkäfer reguliert die Zahl der Blattläuse, sondern die Blattläuse regulieren die Zahl der Marienkäfer. Das Opfer wird gefressen, aber es sitzt am längeren Hebel. Blattläuse brauchen Marienkäfer nicht, aber Marienkäfer brauchen Blattläuse. Eine überraschende Erkenntnis.

Was für die Beziehung von Blattlaus und Marienkäfer gilt, das gilt auch für alle anderen Beute-Räuber-Beziehungen. Je mehr Mäuse, desto mehr Mäusebussarde. Je mehr Nachtfalter, desto mehr Fledermäuse. Die Beute bestimmt das Schicksal der Räuber. Das gilt auch fürs Finanzamt.  Ohne Steuerzahler kann es dicht machen. Man darf die Kuh nicht schlachten, die man melken will.

Auch im Verhältnis von Pflanzen und Pflanzenfressern haben die Pflanzen, also die Opfer, die Hosen an. Die Zahl der Pflanzen bestimmt, wie viele Pflanzenfresser leben können. Ohne  Pflanzen keine Blattläuse. Das erklärt auch, warum seit mindestens 200 Millionen Jahren Pflanzen und Blattläuse neben einander existieren und das ganz ohne Pflanzenschutzmittel.

Verstand und Tierliebe

Eigentlich ist das alles ganz  logisch. Wenn aber die Beute zu unseren Lieblingen gehört und wir deshalb den Räuber nicht leiden können, dann pfeifen wir auf Logik und das Bauchgefühl beginnt. Das geschieht, wenn wehrlose Vogelkinder von Räubern wie Elstern, Krähen, Eichelhähern oder  Mardern erbarmungslos aus dem Nest geholt und gefressen werden. Dann bekommt wohl jeder schmale Pupillen und will „etwas unternehmen.“ Welche Tierfreunde könnten sich diesen Gefühlen entziehen?  Vollends durch einander geraten wir, wenn wir sowohl den Räuber als auch das Opfer lieben, wenn etwa das possierliche Eichhörnchen ein Junges nach dem anderen aus dem Nest des niedlichen Rotkehlchens holt.

Dabei müsste schon die Frage nachdenklich machen, wovon das Raubzeug lebt, wenn es keine  Nester ausräubern kann. Ganz stutzig müssten wir werden, wenn wir uns fragen, warum die armen Singvögel nicht schon längst ausgestorben sind. Schließlich gibt es Vögel zig Millionen Jahre länger als Menschen. Wie konnten sie ohne unseren Schutz vor Raubzeug und „regulierende Eingriffe“ durch Jäger überleben? Die Geschichte von Blattlaus und  Marienkäfer verrät uns auch dieses Geheimnis.

 

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Puppe des Marienkäfers

 

Zum Schluss noch ein kleiner Versuch

Die Puppen des Marienkäfers sind als eingetrocknete Vogelhäufchen getarnt und hängen offen an Stängeln und Blättern. Mit denen  zusammen stellt man sie in ein Glas, warm aber schattig, weil es in direkter Sonne tödlich heiß würde. Jetzt ist etwas Geduld erforderlich. Es kann eine Woche dauern, aber Kinder übernehmen gern die Forscherrolle. Dann schlüpft der Marienkäfer und er ist quittegelb! Erst nach und nach erscheint das Rot und dann das Schwarz. Ein Farbwechsel wie bei manchen Politikern. Die Kinderaugen aber strahlen.

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Käferliebe

 

Merke

Und noch etwas, aber das nur für Erwachsene. Auch Marienkäfer müssen sich fortpflanzen und dazu müssen Männlein und Weiblein kopulieren. Das machen sie öffentlich und in aller Ruhe, denn sie wissen, wie schlecht sie auch in dieser verfänglichen Lage schmecken. Sie treiben es bis zu 18 Stunden. Merke: Ein Käferstündchen dauert länger als ein Schäferstündchen!

Dr. Friedrich Buer                                                                                                             Freier Biologe, Philosoph                                                                                                 www.dr-friedrich-buer.de                                             www.protier.blogspot.com

 

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