Journalistendämmerung. Von einem, der auszog, die „Wahrheit“ zu berichten.

Eine Gastbeitrag von Jörg Rehmann

Auch wenn der Internationale Münchener Presseclub ein paar hundert Meter wegen Bauarbeiten  vom Marienplatz umziehen musste, so ist er dennoch eine seriöse Adresse in der deutschen Medienlandschaft und absolut zu respektieren. Dass es seriös bei der Buchpräsentation des neuen Bandes des Kollegen Georg Etscheit „Geopferte Landschaften“ zuging, darf man wohl sagen. Und, ich denke, das wird man in den meisten Gazetten auch in Kürze lesen.

Worum es bei dem Termin ging, sei hier im Moment nur kurz erwähnt, da ich mich des Themas noch anderweitig annehmen werde. Der Untertitel des  vermutlich ersten, kritisch-analytischen Bandes zur deutschen „Energiewende“ lautet ja: „Wie die Energiewende unsere Umwelt zertstört“. Dass es hier um ein Thema ging, das die Gemüter erregt, ist ohnehin bekannt. Bekannt sind ferner die immer wieder zutage tretenden Klagen von Bürgern über so genannte „Lügenpresse“. Was soll man da als Journalist selbst zu sagen, statt vielmehr die Knochen zusammenzureißen und möglichst saubere Handwerksarbeit abzuliefern. Dennoch deutet einiges darauf hin, dass die „Energiewende“ nicht nur (laut Buch) „unsere Umwelt zerstört“, sondern auch eine paralytische oder möglicherweise sogar pathologische Wirkung auf manche sensiblen Hirne hat.

So geschehen heute genau auf jener Pressekonferenz in München. Natürlich hat (im Podium) Altmeister Enoch zu Guttenberg ein bisserl gepoltert. Natürlich hat Naturschutz-Vorsitzender Johannes Bradtka für Wälder und Vögel argumentiert. Natürlich hat Vernunftkraft-Chef Nikolai Ziegler messerscharf Widersprüche der politischen Räderwerke herausgemeißelt. Natürlich hat Naturschützer Harry Neumann für ein Umdenken geworben und Buchherausgeber Georg Etscheit für einen Neuansatz hin zu einem echten Klimaschutz plädiert.

Aber da war noch etwas. Gleich zu Beginn der Fragerunde für die reichlich anwesenden Journalisten kam es, und zwar knüppeldick. Es kam in Gestalt eines Kollegen von einer regionalen Zeitung, die ich hier mal lieber kollegial nicht nennen will. Kaum also, dass der Ring für Fragen der Journalisten-Kolleginnen und -Kollegen freigegeben war, kam es: Was das denn alles solle? Wozu denn das Buch nötig sei. Nein, es sei unnötig, unwürdig, unmöglich. Denn (so das Pseudo-Argument), wo bitteschön solle denn der Strom herkommen? Aha,  Kritik an der „Energiewende“ und keinen Lösungsvorschlag parat. Pahh, das geht gar nicht. Kritisieren darf nur, wer der bessere Projektplaner ist, oder so. Contra aus dem Podium: „Tja, ist die Energiewende wohl etwas, an das man nur glauben, das man aber nie kritisieren dürfe…“

Der Kollege echauffiert sich weiter: der Raum sei überheizt, das Licht brenne unnötig. Hinweis des Veranstalters: die Heizung ist aus, der Raum nur gut isoliert – und die Referenten seien nicht Veranstalter, also nicht für den Raum verantwortlich. Meine Frage an den Kollegen: „Sitzen Sie in Ihrer Redaktion denn in Jutesäcken und bei Kerzenlicht?“

Das kickte den erregten Kollegen dann endgültig aus den Schlappen: wild geworden, hektisch, schreiend und distanzlos geißelte er, dass hier zwanzig Wissenschaftler und renommierte Autoren es gewagt hatten, ein Fragezeichen an die „Energiewende“, die verheizten Milliarden, die geschändete Landschaft und den stetig steigenden CO2-Ausstoß Deutschlands anzubringen. Immer neu setzte der Ärmste nach, argumentierte in bester linksgrüner Pseudologik von hinten über die Köpfe der versammelten Medienvertreter hinweg.

Wer nun, wie ich, auf 32 Jahre journalistische Erfahrung zurückblickt, bleibt auch angesichts solcher Szenarien cool und dokumentiert: „Für welches Medium schreiben Sie, Herr Kollege?“ Eine Frage, welche die meisten anwesenden Medienvertreter, wenn nicht mit Stolz, so doch mit Loyalität zu Ihrem Presse-Auftraggeber ehrlich beantwortet hätten. Doch meine journalistische Frage, hier forschend in die Ränge des eigenen Berufsstandes gerichtet, blieb von dem Angesprochenen unbeantwortet. Erst der Herausgeber des vorgestellten Buches, selbst Journalist, outete den Ausreißer. Wie peinlich doch.

Den solchermaßen Geouteten, in München ein bekannter Mann, hatte es inzwischen schon vom Stuhl gerissen, die Notizmappe derangiert im Arm, bis sich die anderen Kollegen rüffelnd mokierten: „Mann, bleiben Sie doch sachlich, halten Sie Distanz zur Sache!“

Raunen im Saal. Dann verschwand der Qualitätsjournalist, noch lang bevor der Pressetermin vorbei war. Sein Beitrag bleibt oberflächlich und voreingenommen, das Buch hat er nicht mal angelesen.

Ob hingegen die anderen Kolleginnen und Kollegen Sachlichkeit und Distanz halten, wird man sehen. Zumindest haben sie sich wie Journalisten benommen, und das ist ja auch schon etwas. Ob nun freilich die „Energiewende“ den armen Kollegen so ans Limit gebracht hat, oder vielleicht nur ein schlecht bezahlter Job, das mag dahinstehen. Dennoch hüte man sich vor voreiligen Schlüssen („Lügenpresse“).

Ich will schließen, nicht jedoch ohne den Hinweis, dass genau die Redaktion dieses Kollegen bei mir die Rechte für ein Qualitätsfoto zum Thema angefordert hat. Das könne man aber leider nicht bezahlen, da ein Blatt wie dieses nicht über ausreichende Budgets verfüge… Gedruckt hat man es trotzdem, auf Seitenbreite! So sei es also, lieber Kollege, nehmen Sie das Qualitätsbild von mir für Ihren vermutlich wütenden Verriss. Ich gebe es für Sie, schließe Sie in mein Nachtgebet ein und wünsche Ihnen noch von Herzen eine ganz persönliche Energiewende. Und für die Redaktion stifte ich ein Paar Wollsocken, einen Jutesack und a Kerzerl.

Und hier der „Bericht“ des Kollegen: Abendzeitung München

Pfüati Gott, Servus.

Ihr Jörg Rehmann

Zur Person:

Jörg Rehmann ist seit 1987 selbständig als Journalist, Autor, Fotograf und Filmemacher tätig. Er ist Mitglied in der größten Berufsorganisation für Filmschaffende / Dokumentarfilmer „Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm AGDOK“. In dem Buch „Geopferte Landschaften“ verfasste er den Beitrag „Heimat vom Windwahn verweht“. Ein Großteil der Bilder des Debattenbuches stammen von ihm.

 

5 Gedanken zu „Journalistendämmerung. Von einem, der auszog, die „Wahrheit“ zu berichten.“

  1. Danke an Herrn Rehmann für seinen launig-gut geschriebenen Kommentar zum Ausraster eines Journalisten-Kollegen.
    Mag er im Presseclub auch ein Ausreißer gewesen sein, der Schreiber von der „Abendzeitung“. Eine Ausnahme ist er leider nicht:

    Der deutsche Medien-Mainstream, bis hinein in die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten der ARD, kolportiert seit Jahren im Rahmen der Berichterstattung zur „Energiewende“ überwiegend unkritisch die Parolen des ökoindustriellen Komplexes rund um die sogenannten „Erneuerbaren Energien“, besonders die der Windkraftindustrie.
    So könnte die „Erregung“ des Schreibers der „Abendzeitung“ auch ein wenig das berühmte Bellen des getroffenen Hundes sein.
    Aber in seinem Abendzeitung-Bericht kommt es dann dicke: „Ein Hauch von AfD macht sich breit.“

    Wie bitte, was macht sich breit? Das macht sich breit in der Auseinandersetzung, und es hat Methode: Auf pointierte und fundierte Kritik an der Energiewende wird der Kunstgriff der diffusen Gleichsetzung angewendet. Kritiker der Energiewende und speziell der Windkraftindustrialisierung unserer letzten verbliebenen naturnahen Landschaften werden je nach Anlass der Berichte und nach Gusto der Autoren diffus gleichgesetzt mit
    – Vertretern der Atomlobby,
    – Vertretern der schmutzigen Braunkohleindustrie,
    – mit ewig gestrigen Maschinenstürmern
    -mit alten Menschen, die in den Neuerungen der Transformation unserer Gesellschaft nicht mithalten können…

    Die Diffamierung-Variante „Nähe zur AfD“ ist nun der vorerst letzte und niederträchtige Versuch des Totschlags fundierter Kritik.
    Vor wenigen Tagen hat der Saarländiche Rundfunk als öffentlich-rechtlicher Sender der ARD es vorgemacht (http://www.sr.de/sr/home/nachrichten/politik_wirtschaft/windkraftgegner_saarlouis_enoch_guttenberg100.html):
    Wer Naturzerstörungen durch Windkraftindustrie als „die Heimsuchungen von heute“ bezeichnet, und diese Zerstörungen in pointierter Sprache „wirkliche Verbrechen im perversen Vernichtungskampf unserer Endverbrauchergesellschaft gegen die uns eigene, uns schützende, uns nährende und Identität schenkende Heimat und Natur“ nennt (Enoch zu Guttenberg auf einer Windkraft-kritischen Veranstaltung der Partei der LINKEN im Saarland im November 2016), wird vom Kommentator dieses öffentlich-rechtlichen ARD-Fernsehsenders in die Nähe des rechten politischen Spektrums gerückt; Originalton SR: „Mit derartigen Äußerungen hätte zu Guttenberg wohl auch problemlos bei einer Veranstaltung der AfD sprechen können“.
    Auf meinen Offenen Brief an den SR sei hier hingewiesen (http://lvbw-wka.de/pages/aktuelles/gemischte-beitraege.php)

    Die in vielerlei Hinsicht ökonomisch wie ökologisch aus dem Ruder laufende Energiewende und der journalistische Umgang mit einer kritischen Auseinandersetzung tragen historische Züge: Die Energiewende wird zum Prüfstand letztlich unserer kollektiven Vernunft und unserer vorausschauenden Behutsamkeit im Umgang mit unseren verbliebenen Natur-Resten. Der mediale Umgang mit dem Thema aber wird zum Prüfstand, wie weit die politische Macht in Deutschland den Journalismus bereits als Geisel genommen hat, und ob sich kritischer, investigativer Journalismus davon noch befreien kann.
    Jeder solide aufbereitete Artikel zu den desaströsen Auswüchsen der „Energiewende“, jeder kritische Hintergrundbericht soll uns Hoffnungszeichen sein: Denken, Skepsis, fairer Diskurs und der Mut, Irrtümer einzugestehen sind noch nicht verschwunden aus unserem Land.

  2. Leider haben viele Betroffene von Windkraftplanungen die gleichen Erfahrungen gemacht. Insbesonders die regionalen Zeitungen berichten nicht nur unkritisch sondern vorbehaltlos positiv über die planenden Gemeinden, die Projekteure und alle vorgelegten Gutachten. Alle Bürgerinnen und Bürger, die sich gegen Windkraftanlagen in direkter Nähe oder in bisher geschützten Waldgebieten wehren, werden diffamiert in der oben erwähnten Weise. Alle Aufforderungen, doch einmal eigene Recherchen anzustellen werden ignoriert, lieber plappert man nach, was Profiteure vorgeben. Selbst der Spruch von Hans-Joachim Friedrichs, Journalisten sollten sich nicht mit einer Sache gemein machen, auch nicht mit einer Guten, verhallt ohne Kommentar. Es ist eine Schande für den Journalismus in Deutschland.

  3. Ich finde den Abendzeitungs-Beitrag von Robert Braunmüller eigentlich noch recht ausgewogen, jedenfalls weniger polemisch als die Beiträge hier und die Reden von Enoch zu Guttenberg. Die Forderung, das Licht auszumachen, ist natürlich Quatsch, aber die Frage, ob wir statt erneuerbarer Energien lieber Atomkraft haben wollen oder Energiesparprogramme, muss doch diskutiert werden.

    1. Sehr geehrter Herr Mayer,

      Sie haben immer noch nichts verstanden – bei der Energiewende in Deutschland geht es nicht um Energiesparprogramme. Im Gegenteil – das Ziel ist „Die Energiewende ist elektrisch“. Das bedeutet, dass der Strombedarf künftig um ein mehrfaches steigen soll. So wie das EEG angelegt ist, heißt die Devise: Wegen der nur sporadischen Stromerzeugung der Windkraftanlagen werden Sie künftig an dreiviertel der Jahresstunden gar keinen Strom aus der Steckdose haben. Wenn Sie damit zufrieden sind, o.k

      1. Ehrlich gesagt, ich möchte lieber selbst beurteilen, was ich verstanden habe und was nicht. Ich stimme Ihnen zu, statt Energie zu sparen soll die Stromproduktion stark steigen. Den Schluss Ihres Beitrags verstehe ich aber nicht. Das mit der Windenergie müssen Sie mir bitte erklären.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.