Gardez! Ein Beitrag von Jörg Rehmann

Die Süddeutsche Zeitung hat einen windkraftkritischen Text des Wissenschaftlers und Architekten Dr. Werner Nohl ausgesperrt. Stattdessen bringt sie das krude Stück eines Ralph Diermann, der Generatoren im Wald als „schön“ verherrlicht. Das ist die Ausgangslage.

Dabei hätte eher das Wort von Werner Nohl Gewicht. Nohl kommt der Verdienst zu, so ziemlich als einziger Wissenschaftler die Frage der Landschaftsgestaltung und -Wahrnehmung von der subjektiven Ebene zu befreien und den Umgang mit Landschaft auf wissenschaftlich-fachliche Basis zu stellen. Der subjektiven Aussage einer Person, eine Landschaft sei schön oder nicht schön, liegen komplexere Mechanismen zugrunde, als reine Emotionalität oder Gewöhnung. Zweifellos mag Gewöhnung ein beeinflussender Faktor sein. Doch die menschliche Natur ist weitaus mehr von Aspekten unserer anthropogenen Frühgeschichte bestimmt, als wir gemeinhin wahrhaben wollen. Und der verantwortungsvolle Umgang mit Landschaft geht anders und besser, als es die technokratischen „Energiewende“-Befürworter behaupten.

Ein Hauch von Herkunft

Der Mensch als „Jäger und Sammler“ war ein ausgeprägter Läufer. Seine Wahrnehmung der Fläche war auf sein Jagdgebiet bezogen. Dieses wurde davon bestimmt, in welchen Abständen und zeitlichen Abläufen er seine Jagdbeute einholen und – vor Einbruch der Dunkelheit – wieder sicher heimwärts bringen konnte. Seit Jahrtausenden ist der Mensch ein Geschöpf der mehr oder weniger horizontalen Fläche. Schon sein aufrechter Gang ist dem Laufen und der besseren Sicht über die Fläche geschuldet. Von früh an diente die Besteigung von Bergen der Sicherung und dem Überblicken des Terrains. Diese Sicherungsfunktion hob die Erhöhungen der Landschaft funktional und emphatisch über andere alltägliche Erlebnisse und Tätigkeiten hinaus. Nicht ohne Grund  wurden in unterschiedlichsten Kulturen Berge, Täler und Höhlen bestimmten, oft ähnlichen Bestimmungen und Analogien zugeordnet. Die Assoziation von Höhe mit Gott, die von Höhlen mit Schutz, die von Feldern und Tälern mit Jagd, Land- und Viehwirtschaft entspringt urmenschlichen Prägungen.

Ein gigantisches Umspannwerk unmitten der Landschaft
Umspannwerk in der Eifel: Schöne grüne Energiewelt Bild © Jörg Rehmann

Warum die Seele aus Erde gemacht ist

Das bildliche Empfinden von Landschaft ist hingegen primär kein grafisches Geschehen, sondern der Blick auf die eigene Erlebniswelt, den Lebensraum. Ihre Dimensionen finden in der tatsächlichen, körperlichen Erfassbarkeit, Begehbarkeit, Bewirtschaftung und Sicherung eigenen Lebensraumes eine Entsprechung. Jenseits religiöser Deutungen ist letztlich auch die Erfahrung des Todes, das Vergehen des Körpers und sein Zerfall zu Erde und Staub ein Ereignis, das auf die Fläche, den Boden verweist. Die biblischen Bezüge (Prediger 12f u.a., „Erde zu Erde, Staub zu Staub“) mögen sich heute episch lesen, nicht zuletzt sind sie aber Beschreibungen existenzieller, menschlicher Erfahrungen im Lebensraum. Und andere Religionen beschreiben Ähnliches.

Der schräge Blick

Die Apologeten der Windkrafttechnologie bekunden, die Akzeptanz ihrer monströsen Windräder sei rein geschmacklich und eine Sache der Gewöhnung. Die Kritik tausender Menschen weltweit an dieser bedrängenden Technologie tun sie als „romantisch verklärtes, gestriges Landschaftserleben“ ab. Dabei verkennen sie die Ursprünge der entwicklungsgeschichtlich bestimmten, menschlichen Wahrnehmung. Dies ist insofern bemerkenswert, als gerade die „Windkraft“-Partei Bündnis90 / Grüne in ihrer Historie überall dort eine wissenschaftliche Bezugnahme pflegt, wo ihren Vertretern die Wissenschaft argumentativ gelegen kommt. Seit die rot-grün regierte, rheinland-pfälzische Landeshauptstadt Mainz intensiv vom Fluglärm des Frankfurter Flughafens betroffen ist, werden von Vertretern der Grünen wissenschaftliche Untersuchungen über gesundheitliche Lärmfolgen bis ins Dünne interpretiert und in die politische Waagschale geworfen. Wenn nur wenige Kilometer weiter, im Hunsrück, Menschen von intermittierendem Dauerwummern hunderter Windräder schlaflos werden und immer häufiger Krankheitssymptome entwickeln, wird dies mit dem Argument „romantischer Landschaftsgewöhnung“ und „Hypersensibilität“ abgetan. Die biologisch noch viel näherliegenden gesundheitlichen Folgen von Windradlärm für hörsensible Tierarten werden erst gar nicht thematisiert und diskutiert.

Architektur als Chance

Dr. Werner Nohl hat auf wissenschaftlicher Basis, und gewiss viel besser, als der Autor dieses Textes es darstellen kann, eine Systematik entwickelt, mit der die Gebundenheit des Menschen an die Verhältnismäßigkeiten tradierter Raum- und Landschaftswahrnehmung begründet ist. Aber Nohl hat in alledem als Architekt und Praktiker auch einen konstruktiven Ansatz geliefert, wie auf der Grundlage dieser Erkenntnisse Bauten im öffentlichen Raum so gestaltet werden können, dass ihre Wahrnehmung vereinbar mit der menschlichen Natur ist. Die wissenschaftliche Arbeit von Werner Nohl ist kein Politikum, sondern steht in der Tradition bester deutscher Forschung und angewandter technologischer Methodik.

Die Tempelreinigung naht

Ausgerechnet im Jerusalemer Tempel, wo die Wahrheit gelten und die Deutungshoheit gewahrt sein sollte, hatten sich Händler und Geldwechsler breit gemacht. Jesus hat sie rausgeschmissen. Die Süddeutsche Zeitung hat einen Leserbrief des großartigen Werner Nohl verschmäht. Das ist einem Verzicht auf Deutungshoheit gleichzusetzen, oder einer Ohnmacht, mit Fakten umzugehen. Aber das ist letztlich gut so. Denn ein Text von Werner Nohl gehört nicht in die Leserbriefecke der Süddeutschen. Er gehört verdient und ausführlich illustriert ins thematische Dossier einer Zeitung mit einer souveränen Redaktion! Hat vielleicht die Kritik des Umwelt-Watch-Blogs eine Schwäche der Süddeutschen offengelegt? Nicht ohne Grund hat die renommierte Literaturwissenschaftlerin Prof. Dr. Gertrud Höhler kürzlich diagnostiziert, dass die wahren geistigen Eliten aus den Gazetten in die „Online-Emigration“ verdrängt wurden. Dass die vermeintlichen politischen Eliten gerade infolge Selbstüberschätzung entgleisen, bemerkt Höhler treffend, aber „die ins Online-Ghetto verschickte (wahre! – Anm.d. Verf.) Elite wartet auf ihre Stunde. – Und die wird kommen.

Dogmatiker-Dämmerung

Wenn aber Hunderttausende Menschen in Deutschland und noch mehr weltweit die Überfremdung von Landschaften durch monströse Windradbauten als Heimatverlust beklagen, geschieht dies letztlich doch auf einem fundierten, entwicklungsgeschichtlich und wissenschaftlich nachvollziehbarem Fundament. Wenn aber Vertreter politischer Parteien und wirtschaftlicher Interessengruppen darin nur „Romantik“ erkennen mögen, dokumentieren sie damit ein der Wissenschaft abgewandtes, mittelalterliches Weltbild des Zweck-Dogmatismus.

Ein dorf im Hunsrück, umzingelt von monströsen Windrädern
Simmern, wohnen am Wald. Jetzt ein monströses Metropolis in der ehemaligen Naturlandschaft des zerstörten Hunsrücks © Jörg Rehmann

Vom Sozialschaden

Zu guter Letzt sei noch die soziologische Sicht angesprochen: welche Folgen hat es, wenn immer mehr Menschen, ganz gleich aus welchem Grunde, sich in ihrem Lebensraum, in ihrer Landschaft nicht mehr wohlfühlen? Wo doch Landschaft und Heimat in Deutschland so ausgeprägt positiv und traditionell besetzt sind. Welche Folgen hat es, wenn das identitätsstiftende Merkmal des Heimatgefühls weiten Teilen der Bevölkerung in ländlichen „Energie-Sonderzonen“ verlustig geht? In dem Band „Geopferte Landschaften“ ist ausgerechnet die Erzählung eines Deutschtürken ein gutes Beispiel für das Zusammenwirken von Landschaft und Identität. In „Cevlek“ beschreibt Sabri Mete mit einfachen, aber eindringlichen Worten: wenn Landschaft Heimat ist, und Heimat Identität stiftet, dann entstehen auf diesem Boden Integration und Gemeinschaft.

Finale, Matt: die Maske ist gefallen!

Es geschah am 2. November 2016. Und es war höchstselbst der Sachverständigenrat der Bundesregierung. Unverblümt, wegen hoffnungsloser Fehler und finaler Ineffektivität forderten sie einen sofortigen Stop und vernünftigen Neustart der „Energiewende“. Damit waren es die hauseigenen Ratgeber, die dem König bescheinigten, dass er Milliarden für schöne Traumkleider bezahlt hat, aber nun doch nackt ist. Für diese verpulverten Milliarden haben die finanzaffinen Interessenträger der „Energiewende“ mit ihren Windrädern endlosen Zwiespalt in die deutsche Gesellschaft getragen. Sie haben Milliarden kassiert und dafür ein Heer hunderttausender Betroffener durch alle Landstriche und ehemalige Naturparadiese verursacht, und es werden täglich mehr. Indem sie nun die Klagenden als „Romantiker“ und begründete Kritik als „Rechtsextremismus“ und „Wutbürgertum“ abtun, ordnen sie sich selbst ziemlich weit unten auf der anthropologischen Leiter ein, – als das, was man sinngemäß unter Barbarentum versteht. Und genauso hinterlassen sie die Orte ihres Aufenthaltes.

Zur Person

Jörg Rehmann ist seit 1987 selbständig als Journalist, Autor, Fotograf und Filmemacher. Er ist Mitglied in der größten Berufsorganisation für Filmschaffende / Dokumentarfilmer „Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm AGDOK„

 

 

 

 

2 Gedanken zu „Gardez! Ein Beitrag von Jörg Rehmann“

  1. Bravo, Herr Rehmann,
    ich kann Ihnen nur zustimmen! Wer sich ernsthaft mit Landschaftsästhetik und Landschaftsbild auseinandersetzt, kann die klare Position von Werner Nohl zur Landschaftszerstörung durch monströse Windkraftanlagen nur unterstreichen. Es ist ein Skandal, dass in vielen Genehmigungbehörden aufgrund des weitverbreiteten Irrglaubens, mit Windrädern die Welt retten zu können, die Aspekte des Landschaftsschutzes einfach vom Tisch gewischt werden.
    Es muss diese nutzlose Barbarei an unserer Landschaft endlich gestoppt werden!

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