Flechten – ein Leben am Limit

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Der Radialzuwachs der Landkartenflechte (Rhizocarpon geographicum) beträgt pro Jahr nur rund 0,3 – 0,6 mm. Die Art zählt zu den ältesten lebenden Organismen unserer Landschaften. Die Landkartenflechte wächst auf Silikatgestein der Mittelgebirge und Gebirge. Bild: Copyright J. Bradtka

 

Flechten führen ein Leben am Limit. Sie sind weder Baumschädlinge noch Baumkrankheiten. Flechten sind wichtige Zeigerorganismen für gesunde naturnahe Landschaften und Wälder, für eine reine Luft und eine intakte Umwelt.

Eine Flechte ist ein Pilz, der mit Grünalgen und/oder mit algenähnlichen Cyanobakterien („Blaualgen“) zusammen lebt. Die Außenseite der Flechte bildet der Pilz. In ihm eingeschlossen finden sich Grünalgen und/oder Bakterien. Pilz, Alge und/oder Bakterien leben in enger Lebensgemeinschaft zu gegenseitigem Vorteil. Eine solche Lebensgemeinschaft verschiedener Organismen wird „mutualistische Symbiose“ genannt. Der Pilz schützt mit seiner Oberfläche die Algen vor Austrocknung, schädlicher UV-Strahlung, vor Kälte und vor dem Zugriff algenfressender Kleintiere. Er versorgt den Gesamtorganismus mit Wasser und den darin enthaltenen lebensnotwendigen Spurenelementen. Die Grünalgen liefern dem Pilz ihre Photosyntheseprodukte in Form von Kohlenhydraten bzw. Zucker.

Flechten sind weder Baumschädlinge noch Baumkrankheiten

Flechten besitzen keine Wurzeln und entziehen deshalb einem lebenden Baum keine Nährstoffe. Baumbewohnende Flechten finden ihre Nährstoffe ausschließlich in den feinsten Staub- und Verwitterungsteilchen aus Regen, Abflusswasser am Stamm, Nebel und Wasserdampf. Flechten sind deshalb keine Baumschädlinge, aber auch keine Schmarotzer und auch keine Baumkrankheit, wie gelegentlich behauptet.

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Sclerophora peronella: Eine sehr seltene und hochgradig gefährdete Flechte. Sie ist eine Indikatorart für uralte und schonend bewirtschaftete Wälder. Bild: Copyright E. Zimmermann

 

Flechten leben am Limit

Flechten sind Pioniere suboptimaler bis extremer Standorte. Unter klimatisch schwierigen Bedingungen sind sie allen anderen Pflanzen, Pilzen und Tieren überlegen. Es gibt kaum ein Substrat, das auf lange Dauer nicht von Flechten besiedelt werden würde: Baumrinden, Gestein, Erdböden, Totholz, bearbeitetes Holz, Mauern, Dachziegel, Eternit, Glas, Kunststoffe, Leder und sogar Knochen. Flechten kommen in allen Klimazonen und Regionen der Erde vor: in Kälte- und Hitzewüsten, in tropischen, borealen und gemäßigten Wäldern und in den Hochgebirgen. Ungefähr 8% bis 10% der Erdoberfläche werden von Flechten dominiert. Verschiedene Anpassungsstrategien schützen die Flechten gegen UV-Strahlungshöchstwerte, Temperaturextreme, Windschliff, lange Schneebedeckung und kurze Vegetationsperioden.

Dass Flechten selbst unter extremsten klimatischen Bedingungen gedeihen können, hängt vor allem mit ihrer besonderen Lebensweise zusammen, die als „Wechselfeuchtigkeit“ (Poikilohydrie) bezeichnet wird. Wechselfeuchte Organismen wechseln, wenn sie austrocknen, in eine Art „Scheintod“, aus dem sie bei erneuter Feuchtigkeitszufuhr, ohne Schaden genommen zu haben, erwachen. Manche Flechten können auch sehr alt werden. Es wird von gesteinsbewohnenden Krustenflechten aus der Antarktis und aus Schwedisch Lappland berichtet, die ein Alter von mehreren tausend Jahren erreicht haben. Einheimische baumbewohnende Flechten wachsen durchschnittlich zwischen einem Millimeter und fünf Millimetern pro Jahr und können eine Lebenserwartung zwischen 20 und 50 Jahren erreichen. Einige Flechten auf den Felsen, Blockhalden und Blockströmen der Hochlagen unserer Gebirge und Mittelgebirge (Alpen, Harz, Fichtelgebirge, Bayerischer Wald, Schwarzwald) sind bereits bis zu tausend Jahre alt und zählen zu den ältesten lebenden Organismen unserer Wälder.

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Lobaria pulmonaria, auch als Echte Lungenflechte bezeichnet, ist eine stark gefährdete Flechte mit grubigen, olivbraunen Lappen, die im feuchten Zustand oliv- bis grasgrün gefärbt sind. Sie gilt als ein Indikator für intakte Ökosysteme. Bild: Copyright J. Bradtka

 

Flechten sind Zeiger für gesunde, naturnahe Wälder

Das fein ausbalancierte, sehr störungsanfällige symbiotische Gleichgewicht zwischen Pilz und Alge machen die Lebensform Flechte zu einem Indikator für oftmals bereits kleinste Umwelt- und Standortsveränderungen, z. B. auf Änderungen der Lichtzufuhr und Luftfeuchtigkeit bspw. durch Kahlschläge oder Entwässerungen. Flechten reagieren rasch und viel empfindlicher auf Umweltveränderungen als höhere Pflanzen, Pilze und Tiere. Deshalb gelten Flechten als wichtige Zeigerorganismen für gesunde naturnahe Wälder, aber auch als Frühwarnsystem der Luftverschmutzung. Manche Flechten sind für ihr Überleben auf das Vorhandensein sehr alter ungestörter Wälder mit viel Totholz angewiesen, die es in unseren intensiv bewirtschafteten Forsten kaum mehr gibt. Totalreservate (Nationalparks, Naturwaldreservate) haben daher als Refugien für eine Reihe deutschlandweit unmittelbar vom Aussterben bedrohter Flechten eine große Bedeutung.

Internet-Links

Allgemeines zur Flechtenkunde                                               http://www.blam-hp.eu/allglich_blam.html

Flechtenkartierung Bayern (unvollständig, im Aufbau)             http://www.flechten-deutschland.de/gis2011/index.php?bl=by

Flechten in den Naturwaldreservaten Bayerns             http://www.lwf.bayern.de/biodiversitaet/biologische-vielfalt/037488/index.php

Naturschutzorientierte Waldbewirtschaftung           http://www.waldwissen.net/wald/naturschutz/monitoring/wsl_schwellenwerte_bergmischwald/index_DE

Kaum mehr Flechten in den Wirtschaftswäldern http://www.waldwissen.net/wald/pilze_flechten/lwf_flechten_wirtschaftswald/index_DE

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