Eine intakte Natur – die Chance für unsere Zukunft

Folgende Rede wurde anlässlich der Jahreshauptversammlung des Naturpark Steinwald im April 2018 vom Vorsitzenden des Naturparks, Eberhard Freiherr von Gemmingen-Hornberg, gehalten. Die Redaktion des Umwelt Watchblog bedankt sich für die Erlaubnis zur Veröffentlichung der Rede im Original-Wortlaut.

Viele machen sich Gedanken über die Zukunft unserer Heimat. Wie geht es weiter? Was ändert sich, was bleibt? Viele sorgen sich über Veränderungen. Was prägt unsere Region hier in Nordost-Bayern? Bleibt das, was wir lieben, uns erhalten? Was besorgt uns am meisten? Der Wandel? Der demographische Wandel? Der Klimawandel? Ist jeder Wandel automatisch schlecht?

Ich finde es sehr berechtigt, über die Zukunft der Heimat nachzudenken. Dabei hilft es, zu definieren, welches wohl die großen Stärken unserer Heimat sind. Selbstverständlich sind die größten Stärken erst einmal die Menschen. Aber manche behaupten doch, es gäbe hier bald fast keine Menschen mehr! Über uns schwebt doch das Damokles-Schwert des demographischen Wandels! Tut es das wirklich? Nun, die Vorhersagen und wunderbaren Berechnungen, mit denen man uns noch vor ein paar Jahren die Nachtruhe verderben konnte, sind nicht oder nur teilweise eingetroffen. Die Leerstände werden weniger, der Wegzug der Jungen verlangsamt sich, die Bevölkerung schwindet weniger stark, als berechnet. Die Qualität des Lebens auf dem Lande wird langsam entdeckt. Wenn die Entwicklung so weiter geht, muss der demographische Wandel nicht unser größtes Problem sein.

Also kann es der Klimawandel sein – und damit komme ich zur Natur. Ein ganz großer Wert unserer Heimat, ein Riesen-Pluspunkt, ist die landschaftliche Schönheit, das Mittelgebirge, die relative Unberührtheit, die Harmonie, die Ruhe. Das ist ein starkes Alleinstellungsmerkmal, das viele andere Regionen schon verloren haben. Wir sind gut beraten, das zu erkennen, es zu bewahren und zu schützen. Wir haben nun mal keine Zugspitze, keinen Kölner Dom und keinen Bodensee. Aber unser größter Schatz, unsere landschaftliche Schönheit, unsere halbwegs intakte Natur … ist in Gefahr. Und die Gefahr kommt aus einer Ecke, in der man sie nicht gleich vermuten würde.

Früher waren Naturschutz und Umweltschutz praktisch das Gleiche. Ein kleiner Naturschützer vor Ort hatte meist auch das große Ganze, den Umweltschutz, im Visier. Das hat sich geändert. Heute werden Natur- und Umweltschutz oft getrennt betrachtet, ja sogar gegeneinander ausgespielt.

Inzwischen wird für den Schutz der Umwelt der Naturschutz geopfert. Der Kampfbegriff dafür ist, so grotesk das erst einmal klingen mag, der Klimawandel.

Alles wird dem Kampf gegen den Klimawandel untergeordnet. Er bestimmt, andere Themen zählen nicht. Anscheinend ist der Klimawandel unser größtes und auch unser einziges Problem. Flächenverbrauch? Landschaftszerstörung? Vogel- und Fledermaus-Mord, große Mengen Gift auf der Fläche? Verlust der Artenvielfalt? Insektensterben? Das sind Naturschutz-Themen! Aber sie sind auf einmal unwichtig, denn wir müssen ja das Klima retten. Natürlich nur in Deutschland.

Man bezeichnet das eigene Handeln gern als „öko-“ oder „biologisch“, „Öko“-strom, „Bio“-gasanlage. Die Ökologie ist ein Teil der Biologie und diese ist die Lehre vom Leben. Ich sehe aber überall den Tod.

Riesige Windräder zerhäckseln jährlich Hunderttausende von Vögeln und Fledermäusen. Wald wird gerodet, Straßen und Betonfundamente werden in die entlegensten Winkel naturnaher Wälder gebaut.

Mit gewaltigem Energieaufwand werden in Nord- und Ostsee sog. Offshore Windparks gebaut. Der Bau, der Unterhalt und der Betrieb der Anlagen verschlechtert die Lebensbedingungen der dort lebenden Fische und Säugetiere, Vögel werden getötet und Wale meiden die Gebiete großflächig.

Auf gigantischen Mais-Monokulturen werden regelmäßig und hoch subventioniert große Mengen an Tier- und Pflanzengiften ausgebracht.

Die Artenvielfalt in Gewässern, auf Äckern und auf Wiesen geht dramatisch zurück, 75 % der Insekten und über 80 % der Wiesenpflanzen sind in den letzten 30 Jahren verschwunden.

Das allgegenwärtige Bienensterben hat inzwischen sogar die Medien erreicht.

Wir tun so, als wollten wir grün und biologisch leben, doch das Ergebnis unseres Handelns ist häufig der Tod.

Wir glauben, wir würden der Umwelt helfen, wir kämpfen gegen den Klimawandel, da ist anscheinend jedes Mittel recht – auch der Tod von Pflanzen, Tieren, Meeren, Heimat und Zukunft. Viele schauen weg, wollen nicht sehen, wie die Waage der Natur aus dem Gleichgewicht gerät.

Wenn der Klimawandel durch menschliches Handeln verursacht ist, dann ist nimmersatte Gier, Maßlosigkeit, Gleichgültigkeit und Verantwortungslosigkeit von Menschen über einen langen Zeitraum hinweg die Ursache davon. Die Umwelt, die wir uns aufgebaut haben, ist ein Ergebnis unseres Handelns und Unterlassens. Nun rächt sie sich, sie beginnt zu sterben und damit uns selbst zu vernichten. Klimawandel. Aber wir lernen nichts. Die Verantwortlichen lernen nichts.

Wir wollen den Klimawandel bekämpfen, aber dabei zerstören wir durch unser Handeln und durch unser Wegschauen die Natur, die wir vor dem Klimawandel eigentlich schützen wollen.

Um die Umwelt zu retten, wird die Natur zerstört. Wie töricht und kurzsichtig sind wir Menschen eigentlich?!

Mit Maßlosigkeit und Gleichgültigkeit haben wir den Klimawandel herbeigeführt. Nun wiederholen wir diese Eigenschaften, um den Klimawandel zu stoppen. Das ist ziemlich bemerkenswert, wird doch dadurch – politisch von ganz oben gewollt – die Zerstörung unserer Heimat ermöglicht. Unsere Pluspunkte, unser Kapital, die landschaftliche Schönheit, die relative Unberührtheit der Natur … sind in Gefahr. Groteskerweise kommt diese Gefahr nicht aus der bösen, kapitalistischen Ausbeuter-Ecke, sondern aus der Politik. Und sie ist eine ernste Gefahr, denn sie ist ideologisch motiviert.

„Sorry, wir müssen leider Eure Heimat zerstören, aber dafür retten wir ja die Welt!“ In Deutschland.

Müssen wir uns diesen Wahnsinn gefallen lassen? Nein!!!

Es ist unsere Pflicht, uns für die Bewahrung der heimatlichen Werte einzusetzen. Das tun wir. Der Naturpark Steinwald ist bestrebt, den Fremdenverkehr zu fördern und interessante, abwechslungsreiche touristische Angebote zu schaffen. Gleichzeitig bemüht sich der Naturpark, die schöne Natur des Steinwaldes zu erhalten, den Lebensraum und die Vielfalt der heimischen Tier- und Pflanzenarten zu pflegen. Bewahrung durch behutsame Nutzung.   Mit seiner Schutzzone hat der Naturpark ein gutes Hilfsmittel zur Abwehr pseudo-ökologischer, politisch und wirtschaftlich motivierter Angriffe.

Die Öko-Modellregion Steinwald fördert einen verantwortungsvollen Umgang mit der Natur. Viele Landwirte in der Region haben schon auf biologischen Landbau umgestellt und weitere werden folgen. Hochwertige, zertifizierte Produkte kommen aus unserer Heimat und werden in der Region verbraucht. Rückbesinnung auf alte, Allergie-vermeidende Pflanzenarten, sauberes Fleisch, wenig Chemie auf der Fläche, Artenvielfalt auf Äckern und Wiesen, kurze Wege, eine vorzeigbare Ökobilanz – das sind die Aufgaben der Öko-Modellregion Steinwald.

Es ist Ziel, Wunsch und Aufgabe von Naturpark und Öko-Modellregion, die Heimat für die Einheimischen und für die Gäste attraktiv zu machen und zu erhalten. Es geht darum, die vielen positiven Seiten der Qualität des Landlebens hervorzuheben, die Heimat für alle lebenswert zu machen.

Wir reden heute über die Renaturierung von Mooren. Wenn wir Moore re-naturieren, dann binden wir große Mengen an CO2 und gleichzeitig schaffen wir wunderbare Lebensräume, wir bringen zwei Vorteile zusammen, die Natur gewinnt doppelt. So funktioniert echter Umwelt- und Naturschutz.

Ein Großteil der Menschen in Deutschland lebt in Ballungsgebieten. Wir, die Minderheit, wir leben auf dem Land. Wir haben Naturnähe, Ruhe, Harmonie, Entschleunigung, Gesundheit. In den Ballungsgebieten dominieren Enge, Lärm, Hässlichkeit und Gift.

Es ist verständlich, dass viele den Ballungsgebieten – zumindest zeitweise – entfliehen und sich in einer Gegend wie unserer erholen wollen. Die Anzahl der Menschen, die bei uns Erholung suchen, wird steigen. In den Städten werden die Menschen mehr werden, sie werden älter werden und sie werden Zeit zur Erholung brauchen und suchen. Es ist eine große Chance unserer Region, für Erholungssuchende aus Ballungsgebieten attraktiv zu sein.

Es gibt aber auch Einheimische. Demographischer Wandel hin oder her, es werden auch in vielen Jahren noch Menschen hier leben wollen. Sie haben ihre Wurzeln hier, ihre Familien, ihre Freunde, ihre Heimat. Die Einheimischen erwarten zurecht, dass ihre Heimat auch für ihre Kinder und Enkel lebenswert bleibt.

Doch dafür brauchen wir (neben vielem anderen!) eine intakte Landschaft. Wir brauchen unsere großen, zusammenhängenden Wälder mit ihrer Artenvielfalt, mit ihren stillen Tälern, mit ihren Bergen, Hügeln, den Mooren … und den natürlichen, unverbauten Silhouetten. Wir brauchen das Leben, nicht den Tod. Wir brauchen und fordern eine lebens- und liebenswerte Heimat, wir brauchen – ganz einfach – Schönheit.

Eine intakte – wenn auch von Menschen beeinflusste – Natur, das ist die Chance für unsere Zukunft. Auf diese Chance sollten wir bauen. Wir sind gut beraten, nicht selbst an dem Ast zu sägen, auf dem wir sitzen. Und wir sind noch viel besser beraten, mit Vehemenz diejenigen abwehren, die von weit außen an unserem Ast sägen wollen.

Es wäre mehr als peinlich, wenn sich später einmal herausstellen sollte, dass der Klimawandel das kleinere Übel war, als die Art und Weise, wie wir, zumindest in Deutschland, mit ihm umgegangen sind.

Eberhard Freiherr von Gemmingen-Hornberg

Naturpark Steinwald, Friedenfels, 04/18

Zur Person

Eberhard von Gemmingen-Hornberg ist Vorsitzender des Naturpark Steinwald, Naturschützer und Landesbeirat des Verein für Landschaftspflege und Artenschutz in Bayern e.V. (VLAB)

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