Artenschutz ist Menschenschutz Hannibal II im Nato-Look – und was in der Tarnung steckt. Ein Beitrag von Dr. F. Buer

Was ist das denn?
Was ist das denn?

Das ist Hannibal II, unsere Maurische Landschildkröte (Testudo graeca). Seine Heimat reicht vom Kaspischen Meer bis Südspanien. Doch unser Hannibal kommt aus einer hiesigen Zucht. Ein Findling, der mit Nagellack verziert wurde. Hannibal heißt er, weil Hannibal vor fast zweitausend Jahren auch über die Alpen kam. Jetzt hat er es gut, denn er lebt bei uns, mag und kennt sein Frauchen, weil die ihn füttert und im Garten laufen lässt, wo er Leckereien findet. Alle anderen beißt er weg und vertreibt sie mit Rammstößen, egal ob groß oder klein, ob Hund oder Herrchen, der nur sein Gehege pflegen möchte. Beim Gartenausflug ist es dann passiert. Hannibal II schreitet zügig auf den Gartenteich zu und – Schildkröten sind schneller als man denkt – platsch – versinkt er im grünen Teppich der Schwimmpflanzen. Strampelnd wird er geborgen und in seiner Nato-Tarnung portraitiert.

Wie ein grüner Teppich schwimmt der Algenfarn Azolla filiculoides auf dem Teich und vom Ufer her wächst Gras und Pfennigkraut Lysimachia nummularia, hinein.
Wie ein grüner Teppich schwimmt der Algenfarn Azolla filiculoides auf dem Teich und vom Ufer her wächst Gras und Pfennigkraut Lysimachia nummularia, hinein.

 

Das grüne Zeug auf seinem Panzer ist ein ganz besonderes Zeug. Es ist der Algenfarn Azolla filiculoides. Wer kennt den schon? Und doch ist er ein Beispiel dafür, welche ungeahnten Möglichkeiten in kaum bekannten Arten stecken. Es gibt ihn schon seit der Kreidezeit, die vor 146 Millionen Jahren begann. Nicht ausgeschlossen also, dass schon die Dinosaurier Azolla kannten und im Nato-Look aus den Sümpfen auftauchten. Ursprünglich stammt Azolla filiculoides aus Amerika. Inzwischen ist er weltweit verbreitet, bei uns unter anderem am Oberrhein und seit zwei Jahren in unserem Gartenteich.

Ein dichter Wald aus Wurzeln hängt ins Wasser.
Ein dichter Wald aus Wurzeln hängt ins Wasser.

 

Unter Farn stellt man sich etwas mit Farnwedeln vor. Die zeigen sich aber erst in der Makroaufnahme. Sie sind grün beschuppt und verzweigen sich wie Tannenzweige. Die Unterseite taucht ins Wasser und aus ihr hängen die dünnen braunen Wurzeln. Von der Oberseite perlt alles Wasser ab und was man auch versucht, die Oberseite zeigt immer wieder nach oben. Diese Eigenschaft – neuerdings Lotuseffekt genannt – ist also schon viele Millionen Jahre alt und für Azolla ein alter Hut.

„Wedel“ mit Schuppen und Wurzeln. An der Oberseite perlt Wasser und Schmutz ab: Lotuseffekt.
„Wedel“ mit Schuppen und Wurzeln. An der Oberseite perlt Wasser und Schmutz ab: Lotuseffekt.

 

Das ganz Besondere an Azolla liegt verborgen in sackartigen Einsenkungen an der Unterseite der Schuppen. Es gibt dem Grün der Wedelchen einen Blaustich und ist nur im Mikroskop zu sehen. Es ist das Cyanobakterium Anabaena azollae, das mit Azolla eine Art Gemeinschaftsunternehmen, eine Symbiose gegründet hat. Anabaena bekommt von Azolla organische Verbindungen und Aminosäuren sowie ein sicheres Domizil. Dafür liefert Anabaena den Stickstoffdünger Ammoniak, den es aus dem Stickstoffgas der Luft herstellt. Gemeinschaft macht stark und treibt die Evolution an.

Fädige, blaugrüne Cyanobakterien (Anabaena azollae) leben in lockeren Knäueln in Einsenkungen an der Schuppenunterseite. Die blaugrünen Zellen sind wie auf einer Perlenkette aufgereiht, unterbrochen von größeren, farblosen und dickwandigen Zellen (Hetorocysten), die mit Hilfe des Enzyms Nitrogenase Luftstickstoff in Ammoniak verwandeln.
Fädige, blaugrüne Cyanobakterien (Anabaena azollae) leben in lockeren Knäueln in Einsenkungen an der Schuppenunterseite. Die blaugrünen Zellen sind wie auf einer Perlenkette aufgereiht, unterbrochen von größeren, farblosen und dickwandigen Zellen (Hetorocysten), die mit Hilfe des Enzyms Nitrogenase Luftstickstoff in Ammoniak verwandeln.

 

Stickstoff ist für alles, was lebt unverzichtbar, denn er wird für den Eiweißaufbau gebraucht und ohne Eiweiß kein Leben. Aber er ist Mangelware. Nur weil mit chemisch hergestelltem Stickstoff gedüngt wird, kann die Menschheit ernährt werden. Das ist teuer und verschlingt viel Energie. Zwar besteht die Luft zu 80 Prozent aus Stickstoff, doch nur einige Bakterien können ihn aus der Luft aufnehmen, Pflanzen, Pilze und Tiere nicht. Aber Anabaena kann das und einige andere Bakterien, die zum Beispiel mit Bohnen und Erlen in Symbiose leben, ebenfalls.

Reis mit Azolla in einer Schiebkarre.
Reis mit Azolla in einer Schiebkarre.

 

Die Symbiose von Azolla und Anabaena produziert jährlich 95 kg reinen Düngestickstoff (N2)    pro Hektar – kostenlos. Wird das Wasser abgelassen und der Reis geerntet, kompostiert der Azolla-Teppich und sein Stickstoffdünger wird für die nächste Ernte frei. Aus den Sporen wächst ein neuer Düngeteppich für die übernächste Reisernte und so weiter. Artenschutz ist Menschenschutz, denn Reis ernährt Milliarden von Menschen. Und dies ist nur ein Beispiel von vielen.

Mit solchen Pfunden müssen wir wuchern. Hier muss Geld in Forschung und Entwicklung gesteckt werden. Doch was macht unsere Regierung? Sie zwingt uns Stromkunden mit ihrem „Erneuerbare Energie Gesetz (EEG)“ Jahr für Jahr 28 Milliarden Euro für eine sinnlose Art der Energiewende zu zahlen, unser Land mit Windmühlen und Solaranlagen zu verschandeln und Vögel und Fledermäuse vom Himmel zu schlagen.

Dabei hat bereits am 26. Februar 2014 die regierungseigene, unabhängige Expertenkommission für Forschung und Innovation (EFI) der Bundeskanzlerin ihr Gutachten zum EEG überreicht. Darin wird zusammenfassend wörtlich festgestellt: „Das EEG sorgt also nicht für mehr Klimaschutz, sondern macht ihn deutlich teurer.“ Windmühlen und Solaranlagen sind also für die Katz. Stattdessen fehlt Geld für Forschung und Entwicklung und Wissenschaftler an Universitäten müssen von der Industrie „Fremdmittel einwerben“, damit sie forschen können.

Dr. Friedrich Buer, freier Biologe und VLAB-Beirat

 

 

4 Gedanken zu „Artenschutz ist Menschenschutz Hannibal II im Nato-Look – und was in der Tarnung steckt. Ein Beitrag von Dr. F. Buer“

  1. An landwirtschaftlichen Fakultäten wird durchaus auch in dieser Hinsicht geforscht, gerade wenn die Uni auch in Hinblick auf Bio-Landbau aufgeschlossen ist. Aber keine Frage, das könnte durchaus mehr sein. Und die Drittmittel-Einwerbung ist in der Tat ein Problem für die Unabhängigkeit der Forschung, macht aber in manchen Fällen durchaus auch Sinn, gerade wenn es um Technik geht. Aber mal ganz ehrlich: Zu sagen, dass die Energiewende daran Schuld ist, ist schon gewagt. Keine Frage, zurückblickend wird man eines Tages viel besser wissen, welche Irrwege man tunlichst hätte meiden sollen. Und das EEG ist sicher nicht ohne Fehl und Tadel. Aber sind deshalb alle Windräder und Solaranlagen gleich für die Katz? Sie sind zudem ja nicht nur gegen die Windkraft, auch gegen Solaranlagen. Dabei gäbe es noch so viele „freie“, „sinnvolle“ Dach und andere Flächen! Was schon gemacht wird, sind etwa Solarparks auf ehemaligen Mülldeponien. Und Dachpanele werden in Zukunft wahrscheinlich immer mehr Strom für die Eigennutzung produzieren. Mich würde schon interessieren, was Sie stattdessen vorschlagen – weiter mit der Braunkohle-Verstromung und dem Tagebau, der derart viel Fläche frisst, inkl. Milan- und Fledermaus-Lebensräumen? Oder die Kernkraft? Die wurde ja bekanntlich nie subventioniert, ist billig, klimaschonend und risikofrei… http://www.daserste.de/information/reportage-dokumentation/dokus/sendung/exclusiv-im-ersten-der-grosse-atom-deal-100.html

    1. Es ist sicherlich nicht Aufgabe einer Naturschutzvereinigung, ein Konzept zur nachhaltigen Energieversorgung eines Landes zu entwickeln.
      Eines ist jedoch klar: die „erneuerbaren Energien“ können in ihrer jetzigen Form keinen Beitrag zu einer nachhaltigen und bezahlbaren Energieversorgung liefern. Sie schaden unserer Landschaft und deren Biodiversität und füllen nur die Kassen der Windradprojektierer.

      Wir empfehlen Ihnen ein sehr wichtiges Debattenbuch, welches im November 2016 im Heyne Verlag erscheinen wird:
      http://www.randomhouse.de/Paperback/Geopferte-Landschaften/Georg-Etscheit/Heyne/e502456.rhd

      Auch folgende Positionspapiere des VLAB geben einen Überblick über unseren Standpunkt zu der Thematik:
      https://www.landschaft-artenschutz.de/wp-content/uploads/positionspapier_energie.pdf

      https://www.landschaft-artenschutz.de/wp-content/uploads/positionspapier_nachhaltigkeit_und_suffizienz.pdf

  2. Edeltraud Ebeling
    2015 standen die Windräder in Niedersachsen an rund 160 Tagen praktisch nutzlos in der Gegend herum. Ihre Nennleistung erbrachten die Anlagen nur wenige Stunden. Die Effektivität der Onshore-Anlagen liegt unter 15 Prozent.
    Als „Windenergienutzung mit Augenmaß“ versteht die Landesregierung ihre Absichten. Sie erklärt damit, die Verhältnismäßigkeit zu wahren zwischen Nutzen und Belastungen. Das ist eine ideologisch geprägte Interpretation, weit weg von der Wirklichkeit.
    Nur so kann sie behaupten, sie werde das Landschaftsbild in seiner Eigenart, Vielfalt und Schönheit sowie seinem Erholungswert schützen und bewahren. In Wahrheit ist die Landschaft zwischen Ems und Elbe bereits dauerhaft industrialisiert.
    Die behauptete Unterstützungsleistung der Wind-und Solarenergie entspricht der eines Pferdes, das angebunden neben einem Traktor herläuft. Es zieht nicht mit, sondern behindert den Fahrer, der sich ständig nach dem Pferd richten muß, und verursacht am Ende nur Kosten.
    Deshalb sieht man so selten Traktoren mit angebundenen Pferden.
    In der Stromerzeugung gibt es inzwischen mehr angebundene Pferde als Traktoren.

    In der letzten Nacht sind Photovoltaik (Totalausfall) und Windenergie zusammen auf rund ein Prozent ihrer Nennleistung von über 100 Gigawatt gekommen.
    Da haben Sie beim Kommentieren schon wieder Kohle- oder Atomstrom genutzt.
    Und haben keinerlei Erklärung für den seit 2010 konstanten CO2 Pegel.
    Das muß ja furchtbar belastend sein.
    Oder ?

  3. Um Forschungsgelder in die richtigen Projekte zu leiten, müsste man die Prioritäten festlegen: Was ist am wichtigsten für das Wohlergehen und Überleben der Menschen? Stattdessen hat man sich bei der „Energiewende“ von diffusen Ängsten leiten lassen, die einer rationalen Überprüfung nicht standhalten. Gefühle sind wichtig; sie sollten aber nicht unser einziger Kompass sein, denn sie sind auch sehr wechselhaft. Um weltweit CO2 einzusparen, wäre es viel sinnvoller, das Geld in moderne konventionelle Kraftwerke in China oder Indien zu investieren, deren Wirkungsgrad zu steigern und ihren Schadstoffausstoß zu minimieren. Dann hätte man nebenbei auch noch etwas für die unmittelbare Gesundheit der Bevölkerung getan durch Reduktion des für die Atemwege schädlichen Smogs. China hat sich mit dem Beitritt zum „Weltklimaabkommen“ die Erlaubnis erkauft, bis 2030 jährlich mehr CO2 zu emittieren, nicht weniger! Da können wir ganz Deutschland mit Windrädern und Solarpaneelen zupflastern und werden nichts erreichen außer der großflächigen Zerstörung unserer Natur- und Kulturlandschaft.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.