Abschiedsbrief einer Naturschützerin

Rund acht Jahre lang publizierte Beate Blahy monatlich ihre „Kalenderblätter“. Insgesamt einhundert wertvolle Dokumente einer einzigartigen Naturlandschaft in Brandenburg. Mit ihrem letzten Kalenderblatt im März 2017 nahm sie in einem bewegenden Brief Abschied davon, weiter über die Schönheit aber auch über die Gefährdungen der Landschaften und Natur im Biosphärenrerservat Schorfheide-Chorin zu berichten.  Mit freundlicher Genehmigung von Beate Blahy veröffentlichen wir ihr nachdenkliches Abschiedsschreiben.

Heute kommt das einhundertste der kleinen Blättchen aus dem Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin zu Ihnen.

Damit will ich es bewenden lassen, hundert ist eine schöne Zahl, an die zweihundert Arten habe ich darin vorgestellt. Seit Ende 2008, also gut acht Jahre lang habe ich in jedem Monat die Natur in ihrer Schönheit, Vielfalt und Einzigartigkeit gepriesen – und immer wieder auf die Gefährdungen und Verluste gewiesen, die wir gewärtigen in unserer Zeit.

Acht Jahre sind nicht lang. Sie haben aber ausgereicht, um manche Art, die ich beschrieb, noch weiter in Bedrängnis, ja an den Rand des Aussterbens zu bringen. Sie waren auch lang genug, um neue Bedrohungen herauf zu beschwören.

Ich spreche von überdimensioniertem Straßenbau, zunehmendem Verkehr bis in die letzten ruhigen Winkel des Landes, von immer mehr versiegelter Fläche, von immer mehr Inanspruchnahme sämtlicher Lebensräume durch die eine Spezies, die durch ihre technische Überlegenheit einfach alles tut, was möglich ist, und die viel zu selten fragt, ob dadurch andern Schaden entsteht.

Bedrohlich ist inzwischen der Artenschwund in der Agrarlandschaft. Die Ursachen sind erkannt, die Auswirkungen auch auf unser eigenes Leben benannt – trotzdem geht es weiter voran. So lange wie noch große Konzerne daran verdienen, die Landschaft großflächig zu vergiften, so lange wird es auch gemacht. Stickstoff wird im Übermaß auf die Felder geschüttet und bewirkt, was sein Name schon ankündigt, er erstickt die Lebensräume.

Zu groß sind inzwischen die Maschinen, die auf den Flächen fahren, enormer Druck verdichtet die Böden, tötet das Leben zusätzlich ab (schlagen Sie das Kalenderblatt zum Edaphon nach!). Monotone Fruchtfolgen, die diesen Namen nicht mehr verdienen (Mais, Roggen, Mais, Raps) und tonnenweise Pflanzenschutz-Mittel, die Pflanzengift heißen müssten, vertreiben die uralten Begleiter unserer Feldfrüchte, wie Klatschmohn, Schwarzkümmel, Kornrade oder Kornblume auf Dauer. Damit werden alte Beziehungsgefüge zerstört, deren Bedeutung für das Ganze noch gar nicht erforscht wurde.

Tierische Bewohner des Offenlands flüchten, finden keine Vermehrungsstätten und Rückzugsgebiete mehr. Hamster kann man mit der Lupe suchen, ebenso Rebhuhn und Braunkehlchen. Viele andere sind zu nennen, aber ich wollte ja hier nur kurz erklären, warum es mir nicht mehr möglich ist, die Schönheit, Rätselhaftigkeit und das Beziehungsvolle in der Natur unserer Heimat zu preisen. Zu schmerzlich ist mir der Anblick all der Verluste! Aber die Leser wollen schließlich Schönes lesen, und das kann ich nicht länger leisten.

In den Wäldern, wenn man die Stangenforste überhaupt so nennen mag, geht es nicht besser zu. Nur Leistung, Effektivität, wirtschaftliches Ergebnis zählen. Die Eigentümer riesiger Waldflächen fragen nicht danach, wer noch außer dem Forstgewächs dort seine Heimstatt hat und bestimmte Bedingungen zwingend braucht – ansonsten muss er aussterben. Sehr oft sind es ganz Kleine, Käfer, Pilze, Fliegen, Mücken, Würmchen, die gar nicht wahrgenommen werden, deren Fehlen erst bemerkt wird, wenn aufgrund dessen weitere Kettenglieder gerissen sind. Denn ein jedes hat einen wichtigen Platz im System, nehmen wir sie weg, taugt das Ganze nicht mehr. Wald muss alt werden dürfen, Bäume müssen sterben, Totholz muss liegenbleiben, damit junge Bäumchen nachkommen, aufwachsen und ihr eigenes Netzwerk einrichten, dann erst haben wir gesunden Wald.

Was wir so nennen, sind lebensarme Plantagen. Aber um effektiv ernten zu können, müssen Bäume gleich alt und dick sein, müssen Wegesysteme in die Wälder geschlagen werden, fünf Meter breit, tief ausgebaut, damit zu jeder Jahreszeit, bei jedem Wetter die bis zu vierzig Tonnen schweren Holztransporter einfahren können und abholen, was die riesigen Harvester in hoher Geschwindigkeit entnommen, entastet, in passende Stücke geschnitten haben.

Unsere Vorfahren gingen Holz machen im Winter, wenn Frost war und der Boden die Belastungen gut aushalten konnte.

Sie hatten bis zu achtgliedrige Fruchtfolgen auf den Feldern, und jeder Organismus fand in diesem diversen System sein Plätzchen zum Überdauern bis zur nächsten Gunstphase. Sie wirtschafteten ohne Gift – kleiner die Ernte und unsicherer, und größer der Dank an die Natur.

Ich will die Vorfahren nicht auf den Sockel stellen – hätten sie die heutigen Möglichkeiten gehabt, dann wären sie wohl genauso rabiat auf ihre Umwelt losgegangen wie wir es heute tun.

Als Krönung stellen wir unser Land mit Windmühlen voll, die bald 300 Meter in die Höhe ragen. Abgesehen vom vieltausendfachen Tod von Vögeln und vor allen Dingen Fledermäusen, der mit der sausenden Bewegung der Rotoren verknüpft ist, töten wir das, was wir Landschaftsbild nennen, womit wir unsere Heimatliebe verknüpfen, damit äußerst wirkungsvoll. Das schmerzt inzwischen sehr viele Menschen, zumal diese gewaltigen Opfer das Ziel verfehlen – unsere Energieversorgung auf alternative Füße zu stellen.

All das und die Einsicht, dass mir nicht die geringste Möglichkeit gegeben ist, Einfluss zu nehmen auf den Fortgang der Geschichte, lässt mich tieftraurig werden. Es gibt inzwischen ein Wort für diese Art der Gemütskrankheit: Es heißt Solastalgie. Die hat mich befallen und macht mir unmöglich, weiter so zu tun, als sei meine Welt in Ordnung.

Mag sie es in gewisser Hinsicht sogar sein, hier im Biosphärenreservat, wo Windkraft (noch) nicht erlaubt ist und mehr als 30% der agraren Fläche in ökologischer Weise bewirtschaftet werden, so dass es mir möglich ist, Seele und Auge zu erquicken beim Gang durch solche Felder. Herrlich das Erleben unserer Kernzonen, in denen jede Nutzung unterbleibt, Natur nur nach eigenem Rhythmus lebt und wirkt.

Aber ich kann nicht einsehen, dass solche fast paradiesischen Zustände nur kleinen „Modellregionen“ mit Käseglockenstatus zugestanden werden und das übrige Land kann verwüstet werden – das kann doch nicht das Entwicklungsziel für unser großes Land sein!

Das, was ich als Ausweg sehe, ist nicht populär. Unser Lebensstil, der nur auf exzessiven Verbrauch aller erreichbaren Güter ausgerichtet ist, muss sich ändern. Wir haben nicht so viel Energie zur Verfügung, wie wir brauchen, um weiterhin alles so zu tun wie wir es derzeit tun. Ein Anfang wäre die umfassende, ehrliche Aufklärung und Information über das, was derzeit geschieht und nicht zukunftsfähig ist.

Nun hab ich viel mehr aufgeschrieben als ich wollte. Es sollte ein kurzes entschuldigendes Abschiedswort sein, dafür, dass ich mich zukünftig davor drücke, weiter so liebe, nette Kalenderblätter zu versenden.

Seien Sie, die ich gar nicht alle persönlich kenne, sehr herzlich gegrüßt, ich bedanke mich sehr für Ihr langjähriges Interesse und die immer wieder so liebenswürdigen Rückmeldungen.

Ihre Beate Blahy

http://vielfaltbios.blogspot.de/ Unbenannt

6 Gedanken zu „Abschiedsbrief einer Naturschützerin“

  1. ich kann dem nur zustimmen, genauso erlebe ich es seit vielen Jahren auch und ich denke, das Rad dreht sich schon zu schnell und es kann nicht mehr gestoppt werden, gehört wohl zur Erdgeschichte, bis zum Untergang…

  2. Normalerweise lese ich relativ lange Texte nicht mehr, aber dieser hat mich so berührt das ich ihn zu Ende gelesen habe weil es genau das ausdrückt was auch ich denke und täglich erlebe.
    Es ist traurig wie selbsternannte Fachleute aus Forst und Landwirtschaft die Natur gnadenlos zerstören und dafür auch noch mit einem hohen Ansehen belohnt werden das sie nicht im geringsten verdienen. Alles ist eng miteinander verkettet, daß auch wir ein Teil dieser Kette sind wird gerne vergessen.
    Schade das ich diesen interessanten Blog erst jetzt mit dem Abschiedsbrief entdecke.

  3. Liebe Beate Blahy,
    mir geht es ebenfalls so….ich bin tieftraurig über das was nicht nur hier in Deutschland mit unserer Natur geschieht, sondern im Prinzip weltweit…!
    Artensterben überall und Politik und Wirtschaft machen weiter wie bisher….!
    Denken, die denn, sie kommen ungeschoren davon??
    Das werden sie definitiv nicht….!!!!!!
    Was mich vielleicht von Ihnen unterscheidet…, je mehr ich den Untergang bemerke, desto mehr wandelt sich meine Trauer in tiefen, „heiligen“ Zorn um!!!
    Es wird irgendwann der Zeitpunkt kommen, wenn wir alle gemeinsam ohne Unterlass auf die Straße gehen und Tag und Nacht protestieren und unsere verantwortlichen Politiker aus dem Amt jagen werden. Es wird harte Umbrüche geben und vielleicht auch so etwas wie Bürgerkrieg, aber immer mehr Menschen wachen auf und merken, was da draußen los ist und wie beschissen es unserer Natur geht UND dass es auch uns erreichen wird!
    Was man liebt, das schützt man auch…..und wir sind dabei, uns an diese Liebe zu erinnern….! Auch wenn es sicherlich viele Jahrzehnte brauchen wird, diese tiefen Wunden, die wir Mutter Erde antun, zu heilen…..ich werde nie aufhören, dafür zu kämpfen und meine Liebe für diesen wunderbaren, blauen Planeten zu verströmen!!
    Bitte verzagen sie nicht, denn wenn Sie vollends an den Zuständen verzweifeln, hilft DAS der Natur auch nicht!!!!
    Mit herzlichen Grüßen an Sie und mögen Sie weiterhin schöne Momente in der Natur erleben!
    Tuffy

  4. Toll geschrieben. Das kann ich voll nachvollziehen, man hat das Gefühl man bewegt sich in einem Hamsterrad. Es bleibt aber wichtig, dass Naturschützer weiter den Zeigefinger erheben.

  5. Ein Abschiedsbrief zur Gefährdungen der Landschaften und Natur im Biosphärenrerservat Schorfheide-Chorin, von Beate Blahy, der einem sehr zu denken gibt, da ihre Aussage genau den Nagel der Zeit trifft. Leider nicht nur dort, man könnte es gerade so gut zu uns in den Oberaargau übernehmen oder sonst wo. Es zählt überall nur noch Profit und Geldgier, dass wir aber an unserem eigenen Untergang mithelfen, wollen die wenigsten zur Kenntnis nehmen. Den solange es im Supermarkt alles gibt, selbst wenn es aus den entferntesten Länder kommt, nehmen viele das Sterben in der eigenen vergifteten und zubetonierten Landschaften nicht mehr wahr. 🙁

    Schade das es die spannenden und sehr informativen Berichte von Beate Blahy, nicht mehr geben wird. 🙁

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.